Vielen Dank, dass ihr gekommen seid, um tolle Musik zu hören und, äh, eure Unterstützung zu zeigen! Bruce Springsteen klang so verkrampft, als stehe er vor einem Unterausschuss der UN. Seine Worte wirkten umso steifer, als sein Hemd nach den ersten vier Songs seines fulminanten Auftritts am letzten Sonntag bereits schweißnass an seinem Körper klebte. Freundlicher Applaus der 13 000 Zuschauer in der Cobo Arena in Detroit, Michigan.

Es ist der fünfte Abend der Vote for Change-Tour, einer Konzertreihe, mit der große Figuren im amerikanischen Musikgeschäft helfen wollen, die Wiederwahl von George W. Bush zu verhindern. Springsteen zieht dabei mit R.E.M., Pearl Jam, der Dave Matthews Band, Sheryl Crow, den Dixie Chicks und vielen anderen zwei Wochen lang durch die amerikanische Provinz. Ziel sind die swing states, die Staaten mit besonders knappen Mehrheiten, darunter Ohio, Michigan und Pennsylvania.

Will Rogers und Orson Welles machten Wahlkampf für Roosevelt, Frank Sinatra trat für Nixon auf, und John Wayne half Eisenhower, aber ein so breites Engagement von Showprominenz gab es noch bei keiner amerikanischen Wahl. Seit das Dixie Chick Natalie Maines beschämt gestand, wie Bush aus Texas zu stammen, seit Michael Moore bei der Oscarverleihung 2003 shame on you, Mr.

Bush rief, nähern sich Kultur und Politik zum ersten Mal seit den Siebzigern wieder an. Doch während man damals Gesellschaftsutopien besang, ist das Ziel nun konkreter: Bushs Wiederwahl zu verhindern. Künstler wie Richard Serra stiften ihre Werke für Benefizauktionen, Barbara Streisand sammelte mit Robert De Niro, Leonardo Di Caprio, Dustin Hoffman und anderen an einem Abend fünf Millionen Dollar für Kerry. Nun sind die Popstars an der Reihe. Doch sie spenden nicht nur Geld und Namen, sie versuchen sich als Aktivisten, eine Rolle, die sie gerade erst lernen.

Die Unsicherheit ist nicht der Furcht vor dem Beißzwang von Mediengiganten wie dem heimlichen Regierungssender Fox oder dem Rundfunk-Multi ClearChannel geschuldet. Zwar lassen diese auf jeden die Hunde los, der es wagt, den Präsidenten oder den Krieg zu kritisieren - die Dixie Chicks verschwanden in weiten Landstrichen aus den UKW-Frequenzen. Doch die Anti-Bush-Bewegung ist mittlerweile so breit, dass die präsidentenfreundlichen Sender mit ihren Kampfaktionen kaum mehr nachkommen.

Viel schwerer wiegt das tief in der Gesellschaft verwurzelte Ressentiment gegen alles Politische. Vielen gilt schon das Sprechen über alles, was partisan ist, also unter dem Verdacht von Parteikalkül oder Ideologie steht, als anrüchig und zynisch. Bushs Patriotismus, sein Krieg gegen den Terror sind als politische Erfindungen so genial, weil sie seine Politik mit Prinzipien kaschieren, die scheinbar über dem politischen Hickhack stehen.

Bushs Neokonservative sind die Revolutionäre in diesem Wahlkampf, nicht Springsteen und seine Kollegen, die von nicht mehr träumen als einer Neuauflage der Neunziger, mit Krankenversicherung für alle und strengen Abgasvorschriften. Die Abwahl Bushs ist Utopie genug. Wenn hier mal peace, understanding und andere große Begriffe in den Raum platzten, dann stammen sie aus den Protesthits der Bürgerrechts- und Anti-Vietnam-Bewegung, die als Muzak für die Umbaupausen herhalten.