Nie hätten sie gedacht, dass Whisky, Weiber und Gesang ihnen eines Tages zu einem der meistbeachteten Wissenschaftspreise verhelfen würden. Am 30. September nahmen Steven Stack und James Gundlach ihn entgegen, den Ig-Nobel-Preis (von engl. "ignoble": schmachvoll, unwürdig) für Leistungen, die nicht wiederholt werden können oder sollten. Sie haben wahrhaft Heroisches auf dem Gebiet der Medizin geleistet: Das Wissenschaftlerduo wies nach, dass das Hören von Country-Music zu erhöhten Selbstmordraten führt. In einer Studie verglichen sie die Selbsttötungen in 49 amerikanischen Metropolen mit der Häufigkeit von Country-Songs in den lokalen Radiosendern. Und siehe da, je öfter die Städter über den Äther von den countrytypischen Motiven Liebeskummer, Alkohol und Tod hörten, desto eher waren sie bereit, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Seit 1991 verleiht das satirische Wissenschaftsmagazin Annals of Improbable Research ("Annalen für unwahrscheinliche Forschung"), kurz AIR, in Kooperation mit der Universität Harvard die Ig-Nobel-Preise für skurrile Forschung. Marc Abrahams, Chefredakteur und Initiator der Auszeichnungen, fasst die Idee hinter den Preisen zusammen: "Zuerst bringen sie die Menschen zum Lachen, dann zum Nachdenken. Was die Leute allerdings darüber denken, bleibt ihnen selbst überlassen."

Stack und Gundlach waren vergangenen Donnerstag bei der Verleihungszeremonie in Harvards Sanders Theater in guter Gesellschaft. So ging der Preis für Physik an Ramesh Balasubramaniam und Michael Turvey für ihre Forschung zur Dynamik des Hula-Hoop-Reifens. Den Gesundheitspreis bekam Jilian Clarke für die Überprüfung der so genannten "Fünf-Sekunden-Regel", die bestimmt, ob Nahrungsmittel noch essbar sind, nachdem sie einmal auf dem Fußboden gelegen haben. Die britische Coca-Cola-Niederlassung erhielt den Chemiepreis für ihre Bestrebungen, Themse-Wasser als exklusives "Dasani"-Getränk an den Mann zu bringen – das dann allerdings schnell wieder vom Markt genommen werden musste, weil es krebserregend war. Den Preis in den Ingenieurwissenschaften bekam das Vater-und-Sohn-Team Donald und Frank Smith aus Orlando, Florida, für eine praktische Lebenshilfe, die Millionen Männer betrifft. In ihrem US-Patent Nummer 4.022.227 beschrieben sie, in welchem Winkel verbliebenes Haupthaar gekämmt werden muss, um eine beginnende Glatze zu verdecken. Den Psychologiepreis erhielten Daniel Somons und Christopher Chabris für ihre Studie, die belegt, dass Menschen, die konzentriert ein Basketballspiel auf dem Bildschirm verfolgen, schon mal einen Mann im Gorillakostüm übersehen können, der durchs Bild läuft. Auch der Biologiepreis sorgte für Furore. Ein internationales Forscherteam bekam ihn für die Untersuchung eines bislang unbekannten Kommunikationssystems bei Heringen: Die Fische verständigen sich – vor allem in Angstsituationen – durch 0,6 bis 7,6 Sekunden währendes Furzen.

Längst ist die Verleihungszeremonie der Ig-Nobel-Preise im amerikanischen Cambridge zu einem Kultereignis geworden. Die Reden dort müssen vor allem eines sein: kurz. Dafür sorgt Miss Sweety Poo, ein neunjähriges Mädchen am Bühnenrand, dessen ehrenvolle Aufgabe darin besteht, den Redner bereits nach kürzester Zeit anzuquengeln: "Bitte hör auf, ich langweile mich." So hält sich denn die Begrüßungsrede traditionell nicht mit überflüssigen Höflichkeitsfloskeln auf, sondern beschränkt sich auf ein knappes "Willkommen, willkommen". Mit Begeisterung beteiligen sich jedes Jahr auch echte Nobelpreisträger an der Gaudi. Aus ihren Händen nehmen die Geehrten die Ig Nobels entgegen. Aber auch für den beliebten Wettbewerb "Gewinne ein Date mit einem Nobelpreisträger" stellen sich die engagierten Wissenschaftler zur Verfügung. In diesem Jahr war Richard Roberts, 1993 für seine Errungenschaften mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, der begehrte Top-Forscher für eine Nacht. Und damit auch die ganze Welt etwas von der Ig-Nobel-Verleihung hat, lässt Marc Abrahams die Veranstaltung simultan in fünf Sprachen übersetzen: Deutsch, Türkisch, Chinesisch, Japanisch – und Bürokraten-Jargon.