Heidemarie Wieczorek-Zeul weiß, was nicht passieren darf. Der Sudan, erklärt die deutsche Entwicklungshilfeministerin empört, komme für einen Schuldenerlass "um Gottes willen wirklich nicht infrage".

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass Weltbank, Internationaler Währungsfonds (IWF) und die reichen Industriestaaten einen Völkermord nicht auch noch belohnen, indem sie dem afrikanischen Land jetzt die Schulden streichen. Doch der Sudan steht seit langem auf der Liste der so genannten HIPC-Initiative, mit der die hoch verschuldeten ärmsten Entwicklungsländer (heavily indebted poor countries) von ihren erdrückenden Kreditlasten befreit werden sollen. Und in den Hauptquartieren der internationalen Finanzinstitutionen werden bereits die Summen kalkuliert, die ein Schuldenablass für den Sudan und auch für die kaum weniger fragwürdigen Länder Somalia und Liberia kosten würde.

Dass auch Länder profitieren, in denen von einem geordneten Staatswesen keine Rede sein kann, Menschenrechte missachtet werden und Misswirtschaft zum Alltag gehört, sind nur einige der zahlreichen Mängel der seit Jahren laufenden Entschuldungsaktion zugunsten der Ärmsten in der Dritten Welt. Tatsächlich hat sich an der Misere in den betroffenen Ländern wenig geändert. Entgegen allen geweckten Erwartungen wurde die Armut durch den Schuldenabbau kaum reduziert, in Einzelfällen – so in Bolivien – hat sie sogar weiter zugenommen. Auch beim Wirtschaftswachstum sind bisher positive Wirkungen nicht zu erkennen. Und einige Länder haben nach dem Schuldenerlass gleich wieder so viele neue Kredite aufgenommen, dass ihre Schuldenlast erneut alte Höhen erreicht hat.

Dabei ist die 1995 von Weltbank-Präsident James Wolfensohn in Gang gesetzte HIPC-Initiative mehrfach nachgebessert worden. Auch auf der jüngsten Jahrestagung von Weltbank und IWF in Washington ist, wenn auch zunächst ohne Ergebnis, über zusätzliche Erleichterungen für die Schuldenländer debattiert worden.

Amerikas Finanzminister John Snow etwa hat vorgeschlagen, die Weltbank-Kredite für die ärmsten Länder grundsätzlich durch nicht rückzahlbare Zuschüsse zu ersetzen. Die Idee stieß bei anderen Geberländern auf wenig Gegenliebe, weil sie fürchten, dass damit die Weltbank, die für die Vergabe neuer Kredite auf Rückflüsse angewiesen ist, langfristig zum Auslaufmodell wird.

Snows britischer Kollege Gordon Brown will die Schulden komplett streichen. Dafür sollen die Goldbestände des IWF genutzt und große Geldgeber zur Kasse gebeten werden. Im Gegensatz zu Wieczorek-Zeul, die sich für den Plan begeisterte, lehnte der deutsche Finanzminister Hans Eichel erst einmal ab – die Verwirklichung der Brown-Vorschläge würde seinen Etat mit bis zu 250 Millionen Euro jährlich belasten.

Schon die bisherigen Nachbesserungen haben nicht die erwünschten Ergebnisse gebracht, auch nicht die 1999 auf dem Kölner Weltwirtschaftsgipfel beschlossene und mit großem Aufwand verkündete Schuldeninitiative. Damals sollte sich vieles ändern: Die ärmsten Länder sollten schneller und spürbarer entschuldet und zur good governance – zu "gutem Regieren" – verpflichtet werden. Vor allem aber wurde festgelegt, dass die Entwicklungsländer das Geld, das sie wegen des Schuldenerlasses an Zinsen und Tilgung sparen, zur Armutsbekämpfung einsetzen müssen.

Die Kölner Schuldeninitiative galt auch als probates Mittel, um die im Jahr darauf von den Vereinten Nationen beschlossenen "Millenniumsziele" zu erreichen, insbesondere die bis 2015 angestrebte Halbierung der Armut in der Dritten Welt. Doch davon ist man weit entfernt. "Bei dem gegenwärtigen Fortschrittstempo", lästerte der Brite Brown jetzt in Washington, "würden wir das nicht einmal in 150 Jahren schaffen."