DIE ZEIT: Ihr Film Land of Plenty ist eine kritische Auseinandersetzung mit Amerika, dem Land, das Sie lieben und in dem Sie immer wieder leben. Zwar liegt es nahe, mit Ihnen über die Staaten zu reden. Andererseits würde man gern wissen, welchen Eindruck Deutschland gerade auf Sie macht.

Wim Wenders: Das letzte Mal, als ich aus Amerika nach Deutschland kam, war an jenem Montag nach den Wahlen in Sachsen, als die NPD knapp zehn Prozent gewonnen hatte. Ich war morgens um halb sechs in Frankfurt eingeflogen, sah die Schlagzeilen in den Zeitungen, und zu meinem eigenen Erstaunen fand ich das gar nicht so schlimm. Wenn man nämlich aus Amerika hierher kommt, wirkt die deutsche Demokratie trotz eines solchen Willkommensgrußes fast schon wie eine politische Hochkultur.

ZEIT: Dabei haben die Amerikaner doch die Demokratie erfunden.

Wenders: Ich habe an dem Morgen in der Frankfurter Wartehalle vier Zeitungen durchgelesen und fühlte mich informiert. Wenn man in Amerika nicht das Glück hat, die New York Times zu finden, muss man Zeitungen lesen, in denen absolut nichts drinsteht. Man macht den Fernseher an und sieht nur von Jingles unterlegte News-Fetzen, zumeist lokaler Art. Oft genug kommen einem die Nachrichten eher vor wie Trailer zum nächsten Blockbuster. Es gibt in Amerika im Grunde gar keine "Nachrichten" mehr. Die politische Diskussion ist absolut verkommen und das Interesse an der Demokratie gleich null. Wenn mal gerade dreißig Prozent der Bevölkerung zur Wahl gehen, dann ist das schon viel. Tja, und dann kommt man nach Deutschland und findet so ein Wahlergebnis durchaus akzeptabel. Es wird kommentiert, und alle Welt echauffiert sich. Wenn man aus den Staaten kommt, denkt man, dass man sich um die politische Kultur dieses Landes hier noch keine Sorgen machen muss. Es sei denn, auch hier würden sich die ersten Zeichen einer "Mediendiktatur" häufen.

ZEIT: Damit stehen Sie im Widerspruch zur deutschen Selbsteinschätzung.

Wenders: Ich empfinde auch die gegenwärtige "Ostdebatte" mit ihren Polemiken und Polarisierungen als normalen Prozess der Selbstfindung. Was mich allerdings immer wieder verwundert, ist der deutsche Hang zur Schwarzmalerei. Diese Tendenz, sich furchtbar zu beklagen, kann einem schon mächtig auf den Docht gehen. Schon der Taxifahrer bei der Ankunft weiß, dass es uns schlechter geht als allen anderen auf der Welt. Wenn man aus Amerika eintrifft, dem Land of Plenty, kommt man sich hier echt wie in einem gelobten Land vor. Aber die Leute merken’s nicht. Hier wird gegen Hartz demonstriert, dort ist das längst viel krassere soziale Wirklichkeit.

ZEIT: Sie haben mal geschrieben, dass man seit dem Nationalsozialismus im deutschen Kino keine Identität mit Bildern herstellen könne. Dass es einfach kein Zutrauen mehr in die eigenen Geschichten und Mythen gebe. Betrachtet man die Reaktionen auf den Film Der Untergang , hat man das Gefühl, dass sich diese Identität über Hitler durchaus einstellt.