Investitionen sind wichtig für das Wachstum, weiß der Bundeskanzler. "Wir brauchen mehr Investitionen", sagt die Oppositionsführerin. Beide, Gerhard Schröder und Angela Merkel, haben Recht: Ohne Investitionen gibt es keinen Aufschwung, keine Innovationen – und damit auch kein Mehr an Wohlstand. Doch in Deutschland wird kaum noch Geld in neue Produktionsanlagen gesteckt.

Seit vier Jahren weist die Bundesbank Quartal für Quartal einen Rückgang der Investitionen aus: Von 90 Milliarden Euro im zweiten Halbjahr 2000 auf nur noch 71 Milliarden Euro in der ersten Hälfte dieses Jahres – ein Minus von mehr als 20 Prozent. "Der Staat muss die Rahmenbedingungen verbessern, die Unternehmen entlasten", fordern unablässig die Lobbyisten der Industrie.

Wirklich?

Das Gros der Aktiengesellschaften schwimmt in Geld, in Deutschland genauso wie in Amerika oder Japan. Flüssige Mittel von je einer Billion Dollar schieben die börsennotierten Konzerne dies- und jenseits des Atlantiks vor sich her, schätzen Experten der Schweizer Großbank UBS. Aber in keinem der drei größten Länder der Welt setzen die Unternehmen wieder auf Expansion, wie sie es Ende der neunziger Jahre taten. Anstatt zu investieren, schütten sie das Geld an ihre Aktionäre aus – entweder direkt, in Form von Sonderdividenden, oder indirekt, indem sie eigene Aktien zurückkaufen und auf diese Weise den Börsenkurs nach oben treiben.

Die Deutsche Bank etwa hat seit Mitte 2002 insgesamt 6,2 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe ausgegeben, BASF hat an diesem Montag die Summe für das laufende Jahr auf eine Milliarde Euro verdoppelt. Auch die Deutsche Telekom, die Post, die Deutsche Börse, Siemens und der Energieriese E.on weisen so viel Cash in ihren Bilanzen aus, dass sie wohl bald Geld ausschütten dürften.

Das Vorbild dieser neuen Großzügigkeit heißt Microsoft. Der amerikanische Softwareriese kündigte im Sommer an, insgesamt 75 Milliarden Dollar an die eigenen Aktionäre zu geben. Auch der britische Ölkonzern BP, der in diesem Jahr bereits für 5,5 Milliarden Dollar Aktien von der Börse genommen hat, die französische Telekommunikationsfirma Bouygues oder British Telecom haben ihren Aktionären massive Geldgeschenke in Aussicht gestellt.

Der angenehme Nebeneffekt für die Vorstände: Sie können sich wahlweise als Gönner gerieren, wenn sie eine Sonderdividende zahlen, oder als Wertsteigerer, wenn sie eigene Aktien zurückkaufen. Gerade Letzteres ist nur Augenwischerei, weil zwar der Aktienkurs steigt, aber der Börsenwert des Unternehmens – die Zahl der Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs – gleich bleibt. Doch wen interessiert das gegenwärtig schon? Das Motto lautet: Bloß keine Fehler machen! Und jede Investition birgt nun mal ein unternehmerisches Risiko; jedes Geldgeschenk an die Anteilseigner aber bringt kurzfristig Applaus.

Vor allem in Deutschland habe sich eine "Kultur der absoluten Fehlervermeidung herausgebildet, die zu einer gewissen Unbeweglichkeit führt", sagt Andreas Nick, der bei der UBS das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen in Deutschland leitet. Aber auch in Amerika und Japan münden steigende Gewinne nicht mehr automatisch in Investitionen. Das entkräftet zugleich das Argument, die deutschen Unternehmen würden ihr Geld eben nur nicht zu Hause ausgeben, sondern in Osteuropa oder China, wo die Arbeitsstunden billiger sind. Tatsächlich geizen die Konzerne insgesamt mit Investitionen.