1. Ich beginne von hinten. Es war ein strahlend klarer Tag in New York, 1975. Ich hatte am Morgen einige alte Stiche gesehen, einer davon hieß Neu Amsterdam auf dem Eiland Manhattan, und jemand hatte mir erklärt, dies ungefähr müsse die Stelle gewesen sein, an der jetzt das World Trade Center stehe. Von diesem war auf dem alten Stich noch nichts zu sehen, es war eine völlig überflüssige Mitteilung, aber natürlich konnte die Fantasie es nicht lassen, sich die beiden hohen ranken Türme hinter den paar behäbigen holländischen Bürgern mit ihren großen Hüten vorzustellen, die dort am Strand entlangspazierten. Sehr belebt war es nicht: eine kleine Kirche, ein paar Holzhäuser, ein hoher Galgen, Gebüsch; nichts, schrieb ich damals, verrät den Vulkan aus Wucher, Arbeit und Wahnsinn, der hier einmal ausbrechen wird. Auf einem anderen Stich sah ich ein Kanu mit Indianern. Sie trugen Federn auf dem Kopf und glitten friedlich an einer Gruppe mit Lanzen und Musketen bewaffneter Holländer vorbei. Was sie voneinander dachten, ist auf diesen Stichen nicht zu erkennen. Zwei holländische Schiffe lagen sehr still auf der Reede, auf den Sandstraßen zwischen den wenigen Häusern rings um das Fort war niemand zu sehen, die einzige Windmühle drehte sich träge, das Leben, so fern vom Vaterland, ging seinen Gang.

Möglicherweise durch diese Stiche angeregt, ging ich noch am selben Nachmittag zum World Trade Center. Es stand hoch und rank da, und ich fühlte mich bemüßigt, etwas darüber zu schreiben, das ich 1975 veröffentlichen und danach vergessen sollte und woran jemand mich 2001, nach dem berüchtigten 11. September, erinnerte, und sei es nur deswegen, weil diese Person glaubte, ich besitze prophetische Gaben, hatte ich doch geschrieben: "In der weißen Morgensonne stehe ich vor dem neuen Trade Center und werde kleiner und kleiner, bis ich zu dem geschrumpft bin, was jemand aus dem obersten Stockwerk von mir sieht: nichts. Silbrig leuchtend stehen sie da am Fluss, die beiden Türme, alles ringsum zu etwas Altmodischem erdrückend und dennoch irgendwie verwundbar, fragil, etwas, was unmöglich bleiben kann und eines Tages mit einem Seufzer in sich zusammensinkt, zusammengeknüllt wie ein Zigarettenpapier."

Das zweite Bild. Auf dem Nieuwendijk in Amsterdam geht eine marokkanische Familie. Die Mutter trägt ein langes braunes Gewand und ein Kopftuch, der Vater ist westlich gekleidet und führt seinen ungefähr sechsjährigen Sohn an der Hand, der neugierig in alle Schaufenster blickt. Sie kommen von der Brücke über den Singel, und rechts gibt es dort ein Lebensmittelgeschäft und dann einen Sexladen mit dem üblichen Instrumentarium. Nichts bleibt der Fantasie überlassen, riesige Penisse im Zustand höchster Erregung, aufgesperrte Vaginen, Brüste wie nach vorn gerichtete Euter, der ganze, einst für die Intimität gedachte Fleischladen, nach außen gewandt, ist zu kaufen oder zu mieten. Entschleiert, könnte man sagen.

Die Frau hat nicht hingeschaut, der Vater seinen Sohn an sich gezogen. Nichts ist passiert, und doch ist etwas passiert. Ein Nanogramm Meinung über uns, wer auch immer das sein mag, ist im inneren Archiv der drei Passanten abgelegt worden.

Im selben Jahr gehe ich eines Abends an der Keizersgracht entlang und sehe, wie zwei Nordafrikaner die Quadersteinstufen zu einem der Patrizierhäuser hinaufsteigen und ausgiebig an die glänzend gestrichene, mächtige Haustür pissen. Ich sage: "Das können Sie auch in die Gracht machen." Meine Frau versucht, mich am Mantel mitzuziehen, aber auch hier geschieht nichts oder nicht das, was man erwarten würde. Sie entfernen sich erst ein Stück weit und rufen dann "Dreckiger Saujud" in perfektem Niederländisch, es schallt über die Gracht.

Wo habe ich den anderen Ruf zum ersten Mal gehört? In Tanger muss es gewesen sein, meine erste Begegnung mit der islamischen Welt. Anfang der sechziger Jahre, wiederum an einem Abend, alles fremd, geheimnisvoll, die dunklen Gassen der Kasbah. Und dann auf einmal dieser Ruf, lang gedehnte Laute, Töne aus dem Lautsprecher, die alles durchdringen, ich habe das Gefühl, dass die Luft ins Vibrieren gerät, dass der Schall sich in meinen Knochen festsetzt. Er ist verführerisch und auch bedrohlich, weil er so mächtig ist, unentrinnbar. Danach habe ich ihn in Teheran gehört, in Kairouan, in Mopti in Mali, in Kotakinabalu auf Borneo, in Jakarta, Kuala Lumpur, immer der gleiche Ruf, eindringlich, beschwörend, die Stimme eines Menschen, der den Namen Gottes ausspricht, des Großen, Barmherzigen. Die Stimme erfasst Plätze und Straßen, fließt über die Stadtmauern hinweg, lässt nichts aus, dringt bis in die Häuser hinein. Es ist die Stimme des Islams, sie ruft auf zum Gebet, Körper werden sich jetzt beugen, fast entzweibrechen, sich der Erde zuneigen, wenn es viele Gläubige sind, sieht man, wie sich ein Meer von Rücken vorbeugt, wieder aufrichtet, wieder beugt, inzwischen nicht mehr nur in der so endlos weiten Welt, in der der Koran das Buch der Bücher ist, sondern auch in unserer nördlichen, in der der Gott der Christen mit Kirchenglocken laut rufen darf, während dieser andere Gott einstweilen noch schweigen muss und lediglich zu den Gläubigen flüstert, die ohnehin wissen, was die Stunde geschlagen hat. Doch der Klang jenes allerersten Mals ist unvergesslich geblieben, und sei es nur deshalb, weil mir zum ersten Mal klar wurde, wie sehr meine Welt nur ein Teil der Welt ist.

Sechzehn Jahre später, mit einer englischen Fotografin unterwegs zur Moschee in der heiligen Stadt Ghom in Iran. Mein Tag stand im Zeichen eines Auges. Irgendwo an der Straße, in einer wüstenartigen Landschaft mit roter Erde und scharfem Gestrüpp, hielten wir an, um zu essen. Es gab eine Speisekarte mit wundervollen arabischen Girlanden, die Buchstaben waren, und daneben englische Übersetzungen, die viel zu raten übrig ließen. Ein Gericht, so hatten wir verstanden, sollte aus "head and neck of lamb" bestehen, und ich hatte mich schon auf einen gespaltenen Schafskopf vorbereitet, wie man ihn früher in Spanien noch bekam, doch was auf dem Tisch erschien, war eine unbestimmte Masse, in der man mit etwas Mühe Teile von Hirn, Zunge und Wange entdecken konnte. Das ging ja noch, diese Dinge esse ich daheim auch, aber ganz obenauf lag, drohend und starrend, ein Auge. Es sah mich wirklich an, das Auge eines Zyklopen, es fehlte nur das göttliche Dreieck.

Wir verstanden einander sofort, das Auge und ich. Es ging darum, ob ich es essen wollte. Wieder war es die andere Welt, die mich auf die Probe stellte. Ich wusste, ich würde es niemals zerbeißen können. Die einzige Lösung war: hinunterschlucken, aber es gehörte eher einem Schaf als einem Lamm und wollte nicht rutschen, sondern blieb irgendwo in meinem Rachen stecken, bis ich es schließlich mit Hilfe von Konzentration und Willenskraft doch hinunterbekam. Das hätte eine Erleichterung sein müssen, doch für den gesamten Rest des Tages hatte ich das Gefühl, das Auge stäke noch irgendwo in meinem Hals, und dort steckte es immer noch, als wir den großen Platz vor der Moschee betraten und auf das Gebäude zugingen. Plötzlich erschien wie eine schwarze Flutwelle eine große Gruppe junger Mullahs, die schrien und mit den Armen fuchtelten. Was sie riefen, verstanden wir nicht, doch was sie meinten, war klar, als ich den ersten Spuckebatzen in meinem Gesicht spürte. Es war das Jahr, in dem wir hier noch glaubten, in Iran formiere sich eine liberale Revolution gegen den Schah. Es war auch das Jahr, in dem Michel Foucault in Paris einen großen Demonstrationszug anführte, der die Rückkehr eines Ajatollahs namens Chomeini in den Iran forderte, er lebte in Paris im Exil, als ich vor jenen Türmen in New York stand und Nostradamus spielte.

Und wiederum fast dreißig Jahre später sehe ich, in einem Film, wie ein niederländischer Soldat in Afghanistan einen jungen islamischen Dolmetscher fragt, ob dessen Verlobte noch Jungfrau sei, und wie er ihm ein paar Pornofilme mit viel Gelutsche und Gelecke zu geben versucht, und wieder ist die eine Welt die andere nicht.

2. München. Nahrung für die Seele heißt die Ausstellung über die Welten des Islams im Staatlichen Museum für Völkerkunde. Ich bin zu diesem Zeitpunkt der einzige Besucher. Ich sehe die Bilder, die ich auf meinen früheren Reisen gesehen habe, aber sie haben eine andere Aussagekraft bekommen. Was passiert, wenn über tausend Jahre alte Worte auf einmal ein anderes Gewicht erhalten? Wenn sie nicht mehr in jenen fernen exotischen Regionen, sondern in deinem eigenen Land, deiner eigenen Straße soundso oft am Tag zu hören sind? Auf dem Umschlag des Katalogs ist eine metallene segnende Hand zu sehen. Sie ist stark, man würde vor ihr zurückschrecken oder sich ihr unterwerfen. Die labyrinthische Kalligrafie, die wie ein Relief auf dem Handrücken prangt, ist eine Tughra und steht für Allah, Mohammed, Fatima, Ali, Hassan und Hussein, die fünf Namen, die (neben dem Namen Gottes) zu den von den Schiiten besonders verehrten fünf heiligen "Leuten des Hauses" gehören.

Machen Sie mal die folgende Probe: Fragen Sie zehn Ihrer intellektuellen Freunde, was der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten ist. Kennen Sie ihn eigentlich selbst?