Fragt man hierzulande jemanden nach Maurice Sendak, dann käme reflexartig: "Das ist doch der mit den Wilden Kerlen". Andächtigem Erinnern folgt großes Schweigen. Na, wunderbar. Die Wilden Kerle entstanden vor 41 Jahren, und wenn man den amerikanischen Künstler fragen würde, was denn sein Held Max heute so treibe, dann würde er antworten: "Er wohnt immer noch bei seiner Mutter, und die näht ihm jedes Jahr einen neuen Wolfspelz."

Das kann nicht alles gewesen sein, wofür der 76-Jährige im vergangenen Jahr, zusammen mit Christine Nöstlinger, den mit 540000 Euro dotierten Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis erhielt. Mehr als 80 Bücher, zahllose Essays und Kritiken hat Sendak seit 1951 verfasst oder mitgestaltet. In den USA ist er eine Institution – geliebt und gehasst und nimmermüde, seine Welten stets aufs Neue zu erschaffen. Die New York Times nannte ihn "einen der mächtigsten Männer der USA, denn er hat der Fantasie von Millionen Kindern Gestalt gegeben". Zusammen mit dem amerikanischen Dramatiker und Pulitzer-Preisträger Tony Kushner, der zu Hans Krásas Kinderoper Brundibar den Text schrieb, gestaltete er nun ein Bilderbuch zu dieser Oper. Nur aus diesem Anlass unterbrach Maurice Sendak seine konsequente Interviewabstinenz.

Sendak lebt in einem wunderschönen kleinen Anwesen in der sanfthügeligen Landschaft im Südwesten Connecticuts, nicht weit von der Kleinstadt Ridgefield entfernt. Der Kaffeetisch im Arbeitszimmer ist gedeckt. Tony Kushner hat sich dazugesellt und, nicht zu vergessen: Sendaks deutscher Schäferhund Herman.

DIE ZEIT: Wenn ich in Ihren Bilderbüchern blättere, tauchen unweigerlich Szenen meiner Kindheit auf: nachts im Bett. Das Licht des Mondes, das Licht der Straßenlampe an der Wand. Das jetzt wiederzuentdecken als Erwachsener – sollte ich mich darüber freuen?

MAURICE SENDAK: Natürlich. Aber wenn Sie nach dem Warum fragen – da gibt es keine Antwort.

ZEIT: Wie können wir solche Szenen der Kindheit schützen, ohne in Nostalgie zu versinken?

SENDAK: Einfach, indem man verrückt bleibt. Es ist normal, so etwas das ganze Leben lang zu fühlen – nur: Es wird nicht als normal betrachtet. Wenn man erwachsen ist, sieht man die Dinge realistisch. Wenn man sie aber sieht, wie Sie sie sehen, kriegt man ein Problem. Und ich hab eins. Tony Kushner hat auch eins. Andere Leute – wir verallgemeinern jetzt sehr, sehr stark –, andere Leute wollen das nicht, weil es nutzlos ist.

ZEIT: Aber warum machen Sie dann seit 50 Jahren Bücher? Sind die nur für Sie?