Es ist auch der Geruch. Diese schwere Mischung von Parfum und Nagellack, die wie ein Vorhang ist, durch den hindurchmuss, wer ein Kaufhaus betritt. Es ist ein Geruch, der gewissermaßen nach Pastellfarben riecht, nach den Farben all der Flakons und Lippenstifte im Eingangsbereich eines jeden Kaufhauses, gleich hinter dem Heißluftgebläse. Sehr süß, sehr dicht, sehr schwer.

So roch die alte Wirtschaftswunderrepublik, und so riecht es noch immer im Karstadt-Kaufhaus an der Hauptstraße 143 in Berlin-Schöneberg, einer jener 77 Filialen, für die Karstadt im eigenen Konzern keine Zukunft mehr sieht.

Was ist geblieben vom mehr als 100 Jahre alten Mythos Kaufhaus, in der Krise des Karstadt-Konzerns, die mehrere Tausend Mitarbeiter an den Rand der Arbeitslosigkeit gebracht hat? Das Management hat sich in Nebengeschäften wie der Beteiligung an der Kaffeehauskette Starbucks verloren, und wir, die wir mit dem Mythos Kaufhaus aufgewachsen sind, verabschieden uns nun ein wenig erschrocken und melancholisch von einer Lebenswelt – die viele von uns allerdings schon lange nicht mehr besucht haben, zumindest nicht mehr regelmäßig, wenn wir ehrlich sind.

Am Morgen um kurz vor halb zehn war im Schöneberger Karstadt-Haus das Licht in die Neonröhren gesprungen, drinnen zogen die Rolltreppen an, draußen wartete eine alte Dame mit grauer Dauerwelle, um zum Friseur im ersten Stock zu gehen. Sonst war niemand da. Um Punkt halb zehn entriegelte ein Mann mit Schnauzbart, kurzärmeligem Hemd und Krawatte grußlos die Türen zu jenem Haus, das Tag für Tag Tausende Menschen einsaugen und wieder freigeben soll. Das davon lebt, Kunden zu atmen. So weit die Geschäftsidee, die Karstadt einst zu einer deutschen Marke machte wie Mercedes, Tempo und Nivea.

Betritt man aber nach langer Abwesenheit wieder ein Kaufhaus wie dieses kleine mit seinen knapp hundert Mitarbeitern und 5.300 Quadratmetern Verkaufsfläche, fühlt man sich nicht mehr als Bestandteil eines Konsumkreislaufes, sondern so, als sei man in ein Stilmuseum der Vorwendezeit geraten. Die abgehängten Decken. Die Neonröhren. Die Klarsichtkleiderbügel. Die finster blickenden Schaufensterpuppen, die ihre Arme in die Hüften stemmen. Die "Schnäppchen"- und "Reduziert"-Plakate, die wie übergroße Teebeutel von den Decken hängen und sich langsam im Wind der Umwälzanlage wiegen. Vor allem aber das Informationsbrett unten an der Rolltreppe wirkt wie eine Museumstafel, eng beschrieben mit Vokabeln aus der Vergangenheit: In der zweiten Etage gibt es "Elektrogroßgeräte" und "Elektrokleingeräte", "Spielwaren" und das "Restaurant Café", im ersten Stock "Damenbekleidung", "Damenwäsche", "Bademoden", "Herrenbekleidung" und das "Änderungsatelier", im Erdgeschoss "Schreibwaren", "Kurzwaren", "Uhren & Schmuck", "Glas", "Porzellan" und "Tabakwaren", im Untergeschoss den "Schnäppchen-Markt", "Installationsmaterial", "Autozubehör" sowie "Garten & Heimtier".

Es ist, als führte der nächste Schritt, der auf die Rolltreppe, direkt in die Kindheit zurück. Und mit diesem Gedanken ist man schon mittendrin.