Altbackene Warenhäuser, die immer weniger Kunden anziehen; Beteiligungen an unzähligen Fitness-Studios, Kaffeehausketten und Fachhändlern, die allesamt nicht zum Kerngeschäft gehören; die fast vollständige Abhängigkeit vom deutschen Markt und den Launen heimischer Verbraucher. All das sind die Ursachen für die aktuelle Krise von KarstadtQuelle. Dabei geht es um mehr als den Abschied von über hundert Jahren Warenhaustradition. Es geht um ein nationales Symbol des Konsums – und damit um Politik.

Viele Spitzenpolitiker haben sich in den vergangenen Tagen zu Wort gemeldet, FDP-Vize Brüderle ebenso wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und Wirtschaftsminister Clement – und natürlich der Kanzler. Gerhard Schröder gab der alten Konzernspitze ausdrücklich die Schuld für das Desaster und prangerte "Managementversagen in seiner krassesten Form" an. Die Verantwortung für die Sanierung von KarstadtQuelle, so ließ er durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung verbreiten, liege "beim neuen Konzernmanagement".

Die alten Chefs als Versager, die neuen als Retter? So einfach ist die Verantwortung nicht verteilt beim größten europäischen Warenhaus- und Versandhandelskonzern.

Walter Deuss gilt als Urheber der Krise. Rund drei Jahrzehnte lang leitete der Jurist das Handelsunternehmen Karstadt und baute es durch zahlreiche Übernahmen zu einem unübersichtlichen Firmenkonglomerat aus – eine Art Edzard Reuter des Einzelhandels. So stieg Deuss bei zahlreichen Fachgeschäften wie dem Sporthändler Runner’s Point oder dem Textilhändler Wehmeyer ein, die nun wieder abgestoßen werden sollen, weil Karstadt in seinen Warenhäusern die gleichen Produkte verkauft. Auch Neckermann und den Problemfall Hertie übernahm Deuss. "Papa" nannten Mitarbeiter ihren Chef, der die Zukunft der Warenhäuser nur im deutschen Markt ausmachte – aus heutiger Sicht ein strategischer Fehler. Doch auch sein Nachfolger Wolfgang Urban steuerte in die falsche Richtung. Er baute das Imperium weiter aus – unter anderem mit Fitness-Studios und dem US-Kaffeehaus Starbucks. Eine Reihe von Sparvorhaben scheiterten.

Deuss musste im Herbst 2000 gehen, weil er KarstadtQuelle zu groß gemacht hatte; Urban wurde dieses Frühjahr gefeuert, weil er das nicht korrigierte.

Schröder kritisiert die Manager – ein Ablenkungsmanöver?

Für die Krise bei KarstadtQuelle sind viele verantwortlich. Der 20-köpfige Aufsichtsrat hielt es ein Jahr lang nicht für nötig, dem schlingernden Konzern einen hauptamtlichen Finanzvorstand zu besorgen. Erst vor wenigen Tagen wurde der vakante Posten wieder besetzt. Und der Chef Wolfgang Urban war nicht allein – drei seiner Exkollegen sitzen bis heute im Führungsgremium. Helmut Merkel etwa, der der Konzernleitung bereits seit viereinhalb Jahren angehört. Sein Vorstandskollege Peter Gerard sitzt schon vier Jahre in der Chefetage. Auch Christoph Achenbach, Urbans Nachfolger als Vorstandsvorsitzender, war bereits seit Mai 2001 einfaches Vorstandsmitglied der KarstadtQuelle AG, insgesamt sieben Jahre lang war er Vorstand bei der Konzerntochter Quelle, zuletzt als deren Vorsitzender. Eine Zeit lang leitete er zudem die Neckermann Versand AG. Die Versandhaustöchter haben nun ebenfalls Schwierigkeiten.

Die drei Vorstandsmitglieder können sich nicht damit herausreden, sie hätten von nichts gewusst, dazu kennen sie den Konzern zu lange. Sie können auch nicht behaupten, Wolfgang Urban allein wäre für alles verantwortlich gewesen. Denn nach deutschem Wirtschaftsrecht führen die Vorstandsmitglieder einer AG die Geschäfte prinzipiell gemeinschaftlich. "Ein Vorsitzender leitet die Sitzungen und koordiniert die Arbeit des Vorstands, er repräsentiert das Gremium nach außen", sagt Hans Rösch, Aktienrechtsexperte der internationalen Anwaltskanzlei Linklaters in Berlin. "Gleichwohl ist der Vorstand einer Aktiengesellschaft ein Kollegialorgan, das seine Entscheidungen – je nach Geschäftsordnung – einstimmig oder mit Mehrheitsbeschluss trifft. Gegen den mehrheitlichen Willen der anderen Mitglieder kann ein Vorsitzender also nichts ausrichten."