Es wird immer schöner mit den Segnungen aus dem Nordosten Amerikas. Zuerst hinterlässt eine spendable Tante aus Massachussetts ihren Neffen ein Klavier, ein Klavier - nun kommt ein vergessener Onkel aus Boston mit einer ganzen Oper im Schlepptau. Die erste Begebenheit ist bekanntlich bei Loriot überliefert, die zweite in jedem anständigen Musiklexikon. Soeben gab es in der Essener Philharmonie die um 180 Jahre verspätete Uraufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys dreiaktiger Oper Der Onkel aus Boston. Dies ist ein humoriges, vom Libretto (Johann Ludwig Caspar) etwas einfältig gebautes Verwechslungs- und Lügenlabyrinth, über dem freilich musikalische Genieblitze den Himmel erhellen. Damals, im Familien- und Freundeskreis, kam das Singspiel über Felix' elterliches Wohnzimmer nicht hinaus, jetzt holte es die Internationale Bachakademie Stuttgart mit dem Dirigenten Helmuth Rilling, gut gelaunten Solisten, der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium kompetent und schwungvoll aus dem Archiv - die gesprochenen Dialoge wurden zu Zwischenmoderationen verkürzt. Der Komponist war 14 Jahre alt, als er - in Verneigung vor Mozart und Weber - seine Ideen zu Papier brachte, und zwar mit frappierender Sicherheit. Neben einer Menge C-Dur, schulbankhafter Stimmführung und eifrigem Konversationsgeplapper (vor allem im Chorsatz) rauscht frühromantische Chromatik und zischt manche verspätete Mannheimer Rakete - den betörenden Holzbläser-Passagen entweichen bereits Ahnungen vom Sommernachtstraum. Und manchmal traut sich Felix ganz Außerordentliches, etwa das gänzlich unpeinliche Flehen in Fannys eindrucksvoller E-Dur-Arie oder die Pizzicato-Nadelstiche im Finale des dritten Aktes als Ausdruck der Sprachlosigkeit, wenn sich der erste Brautwerber als Sohn des zweiten erweist. Auf diesem Level der Tonkunst hätte Felix eigentlich weitermachen können, doch weil seine folgende Oper Die Hochzeit des Camacho ein öffentlicher Reinfall wurde, ließ er es bleiben. Sehr bedauerlich.