Manchen Anblicken muss man in London ausweichen: "diesem Haufen – nein, diesem Stapel – Hundescheiße; dieser Kotzlawine; diesem Betrunkenen auf dem Pflaster, mit einem Gesicht wie das Hinterteil eines Pavians…" Gnadenlos widerlich, keine Frage. Man kann Xan Meo, die Hauptfigur in Martin Amis’ jüngstem Roman Yellow Dog, nur bewundern, dass er vor lauter berechtigtem Ekel noch dazu in der Lage ist, jungen Mädchen hinterherzustarren: "Meist trugen sie neunzöllige Plateausohlen und ultraweit ausgestellte Hosen; ihr Bauch zeigte einen Streifen weißlicher Unterwäsche und einen von Bijouterie traumatisierten Nabel; sie hatten ihre Autoschlüssel in der einen Wange und die Wohnungsschlüssel in der anderen, einen Pflug in der Nase und einen Anker im Kinn…"

Auf diesem Niveau treibt Martin Amis, ganz in seiner angestammten Rolle als Enfant terrible, die furios-bösartige Beschreibung der sexualisierten Gesellschaft im neuen Jahrtausend noch ein paar Seiten weiter, bis sein Held plötzlich zwei Monstern begegnet. Genauer gesagt: zwei professionellen Schlägern, die ihn in Windeseile zusammenstauchen. Den finalen Stoß allerdings verweigern sie ihm, und damit gerät Xans Leben als Mann groteskerweise erst richtig in Fahrt.

Als er nämlich aus dem Koma erwacht, hat sich für ihn relativ wenig verändert – mit einer entscheidenden Ausnahme: Durch die massive Erschütterung seines Gehirns wurde Xan in den Zustand erotischer Dauererregung versetzt. Seine Triebe entladen sich wahllos. Alles Weibliche zieht ihn an, sogar die eigenen kleinen Töchter.

Das große Thema von Yellow Dog ist die unverschuldete pathologische Perversion. Immer wenn Martin Amis eng an diesem Thema bleibt, gelingen ihm verstörende Szenen voller schwarzem Humor, wie sie außer ihm in der britischen Gegenwartsliteratur vielleicht nur noch Will Self zu Papier bringt.

Aber Amis konzentriert sich in Yellow Dog eben nicht auf die Untersuchung Xan Meos. Vielmehr implantiert er der Erzählung über ihn weitere, wesentlich schwächere Storys: einen Flugzeugabsturz (als rasend originelles Gleichnis der westlichen Zivilisation), eine Satire über das verkommene englische Königshaus (vielleicht wird jenseits des Kanals über so etwas noch gelacht), die märchenhafte Karriere eines alten Gangsters sowie die Geschichte eines Busenmagazins, dessen Top-Kolumnist Clint Smoker unter dem Pseudonym Yellow Dog publiziert, eigentlich aber nur ein armes Schwein ist.

Das alles ist kompliziert ineinander verschachtelt. Handwerklich versiert verknüpft Amis die verschiedenen Erzählstränge, und durch den großen Showdown in der Porno-Metropole "Fucktown" – eine Parallelfantasie zur Wolfsburger "Autostadt" – wird die Architektur des Romans auf der Handlungsebene schließlich tatsächlich plausibel.

Doch welche Durststrecken muss man in Kauf nehmen, um zu diesem Schluss zu gelangen! Wie oft läuft die virtuose Pointen-Maschine in den elf langen Kapiteln des Romans leer! Yellow Dog ist weder so sarkastisch wie Amis’ Geniestreich London Fields von 1989 noch so erschreckend aufrichtig wie seine vor vier Jahren veröffentlichte und bislang nicht ins Deutsche übertragene Autobiografie Experience. Zu stark ähnelt Amis’ sexbesessene Welt der gelben Hunde den Spätprogrammen privater Fernsehsender. Zu vertraut sind die Vorbilder des Zotensammlers Clint Smoker, der Porno-Queen Cora Susan mit ihren berühmten Naturbrüsten oder des wortgewaltigen Transvestiten Kate. Zu schnell und zu gründlich denunziert Amis diese eindimensionalen Charaktere, als dass sie den Leser noch bei der Stange (Stange?) halten könnten.

Was bleibt, ist der beißende Witz dieses Autors. Und wie in jedem seiner Bücher finden sich natürlich auch in Yellow Dog ein paar überraschende Bilder: "Der Flieger hob ihn über Fucktown hinauf, das unter ihm liegenblieb wie ein Schaltplan, und trug ihn nach Los Angeles, das der Bühne eines alten Schnulzensängers glich, groß wie ein Komet."