Roman Das bessere Leben
Volker Brauns neuester Aufruf zur Revolution: »Das unbesetzte Gebiet«
Einer seiner alten Lehrmeister, Hegel, hatte einst Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit bestimmt. Das Verständnis dieser Einsicht bleibt allerdings an Voraussetzungen gebunden. Klugscheißer, die sich der Mühe des Nach-Denkens nicht unterziehen wollen, stattdessen im gesunden Menschenverstand das Maß Dinge erkennen, sind damit schnell fertig. Solche Leute sollten aber auch einen großen Bogen um machen, das Volker Braun in seinem neuen Büchlein, keine 120 Textseiten lang, erzählend vermessen und, bedenkend, fruchtbar machen will.
Braun, von jeher einer der denkenden Dichter, hatte sich zu DDR-Zeiten oft erheblichen Ärger eingehandelt, weil er, von Brecht her kommend, stets die Legitimation des politischen Handelns, oft Fabel-haft erzählend oder poetisch verdichtet, geprüft und, nach der Prüfung, die Defizite benannt und eingeklagt hat. Seine Unvollendete Geschichte hatte richtig Furore gemacht und wurde, nach der Veröffentlichung in Sinn und Form 1975, verboten und wieder aus den Kiosken zurückgeholt. Sein Hinze-Kunze- Roman, 1985, musste in der DDR vier Jahre auf die Publikation warten.
Braun konnte deshalb, nach der Wende, mit Recht in danach oft zitierten Versen feststellen: »Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen«. Und weiter: »Was ich niemals besaß wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen./ Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.« Larmoyanz ist in diesem Gedicht, Das Eigentum, durch Einsicht ersetzt. Braun hält an seinem dialektischen Verständnis von Geschichte bis heute fest.
Er ist noch immer nicht im Westen angekommen
Und an seiner Haltung zu ihr. Sein »Hauptaugenmerk« gilt nach wie vor den Mühseligen und Beladenen, den leidenden Menschen und der ungerechten Ordnung einer Gesellschaft, die sich solcher Einsicht versperrt. Lakonisch verdichtet er die Ereignisse. Seine Sprache erinnert an Bloch. Doch er meidet das Pathos, bevorzugt den Witz.
»Vor der Potsdamer Universität im Neuen Palais sah ich eine Studentin eine wollene schwarze Mütze tragen mit langem Zipfel und Schellen daran und dem Signet: outdoor. Wäre es nicht gut, dachte ich, wenn alle vier Millionen deutschen Arbeitslosen, vor dem neuen Palais, diese Schellenkappe trügen, um den Skandal auszuläuten?«
Mit diesem »Hauptaugenmerk« ist sein Ausgangspunkt markiert: die Gegenwart. Deshalb blickt er zurück. Das unbesetzte Gebiet, ein dialektisches Lehrstück, soll aber offenbar zugleich genau auf der Grenze zwischen Freiheit und Notwendigkeit jenen Ort markieren, an dem er sich einrichten will, bedenkend, erzählend. Braun war einst in seinem »Land« nicht heimisch geworden (»ich selber habe ihm den Tritt versetzt«). Er ist auch heute noch nicht im Westen angekommen, anders als viele seiner ehemaligen Kollegen, ohne wie Hermann Kant trotzig in der Ecke zu schmollen.
Eine andere Welt ist nicht denkbar, aber möglich
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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