Die Achtundsechziger sind Leute, die 1968 um die zwanzig Jahre alt waren und keinesfalls über dreißig, denn dann wäre ihnen schon nicht mehr zu trauen gewesen. Sie haben Unruhe verbreitet, zum Aufbruch gedrängt, gegen die guten Sitten verstoßen, an bestehenden Fundamenten und Strukturen gerüttelt, und mancherorts haben sie sogar ein bisschen richtige Revolution versucht.

Die Achtundsechziger sind jetzt ältere und gesetzte Herrschaften. Sie schreiben Erinnerungsliteratur. Sie waren die letzten Helden Europas. Ihre Kinder sind erwachsen. Sie werden bald in Rente gehen.

In dem neusten Roman von Rafael Chirbes, dem dritten Teil seiner Trilogie über das Nachkriegsspanien, ist eine Gruppe Achtundsechziger in einem Madrider Edelrestaurant versammelt – zur Erinnerung an die klandestine Zelle der "Kommunistischen Einheit", deren Mitglieder sie einmal waren. Auch in Spanien haben die Achtundsechziger keine Revolution gemacht, aber mit großem persönlichen Risiko und unter ebenso großem ideologischen Aufwand ein wenig die bleierne Decke gelüpft, die über dem Land lag und bis zu Francos Tod auch liegen blieb. Als der Diktator schließlich an Altersschwäche starb – was Wochen dauerte, in denen hinter den Kulissen fieberhaft verhandelt wurde –, waren keine Helden gefragt, sondern Pragmatiker, deren persönliche politische Moral es zuließ, dass man sich mit den Feinden und Unterdrückern an einen Tisch setzte und ihnen einen Teil der Macht abhandelte. Das war vielleicht nicht heldenhaft, bescherte aber Spanien die friedliche und gelungene "transición" zur Demokratie.

Diesen Teil der Geschichte hat Chirbes bereits in dem 2000 auf Deutsch erschienenen Roman Der Tod von Madrid erzählt, dem Herzstück der Trilogie. (In deren erstem Teil Der lange Marsch entwarf er das Gruppenbild der Bürgerkriegsgeneration und ihrer Kinder.)

Chirbes ist ein feinfühliger Epiker, der aus den Fragmenten von einzelnen Lebensgeschichten Historie zu gewinnen pflegt, gesellschaftliche Panoramen, Stimmungsbilder von großer Überzeugungskraft, Manifestationen des Zeitgeistes in Momentaufnahmen.

Und das ist ihm auch hier wieder gelungen, mit diesem dritten Akt des Dramas aus dem Repertoire des politischen Welttheaters, das von seinem Ende her durchaus als Komödie gelesen werden kann: das Ende ist das einer erfolgreichen Demokratie, aufgebaut von agilen Funktionären, tüchtigen Mittelstandsunternehmern, europäisch orientierten Intellektuellen und – nicht zuletzt – überzeugten Sozialisten, Überlebenden der sechziger Jahre. Aber diese menschliche Komödie nach Chirbes enthält auch jede Menge Tragödienstoff: die Geschichten vom Scheitern, vom Sterben, von Verrat, Trennungen und unerfüllten Träumen; und, die banalste aller Geschichten: die vom Altwerden.

"Jubiläumstreffen der alten Genossen" steht über der Menükarte in besagtem Madrider Restaurant. Es beginnt mit Champagner und Reismehlravioli an getrüffelter Brühe – ein Getafel, das über Stunden geht, im Wechsel der Gerichte und des Geredes, mit kleinen Frivolitäten und Animositäten, mit Wein und Debatten, Armagnac und Rührseligkeit.

Es ist erzähltechnisch brillant, wie Chirbes aus dem katalytischen Zusammentreffen seiner Personen Funken schlägt, wie Erinnerungen angestoßen werden durch eine Bemerkung, eine Beobachtung, eine Geste.