Roman Die Schneekönigin
Irina Liebmanns viel zu »freie Frauen« und das Lebensgefühl einer verlorenen Generation
Der Himmel hängt niedrig über der Stadt. Es schneit, und es wird nie wieder aufhören zu schneien: Deutschland im ewigen Winter. Keine andere Jahreszeit scheint so gut zu diesem Land zu passen, in dem die Bewohner die längste Zeit des Jahres wie wandelnde Eierwärmer durch dunkle Straßen schieben, einer Zukunft entgegen, die von den Räumfahrzeugen schon längst aus dem Weg geschafft wurde.
»Uns hât der winter geschât über al«, diesen Urseufzer des Walther von der Vogelweide hat schon vor etlichen Jahrzehnten die arme Christa T. in Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T. im germanistischen Seminar von der Tafel abgeschrieben. Ihr elendes Schicksal ist Legende. Die Frau, die »keine große Auswahl an Gedanken, Hoffnungen und Zweifeln« ihr Eigen nennen konnte, starb am deutsch-demokratischen Wintermärchen, unerlöst, viel zu früh, in Zwietracht mit sich selbst und dem erstarrten Land. Und der Himmel, »wenn man nur lange genug hinsieht«, schrieb Christa Wolf damals, »sinkt ja allmählich auf einen herunter«.
Es ist eine alte Freundschaft zwischen der Literatur und der Melancholie, zwischen den Romanen und dem Schnee, den Gedichten und ihren im Winde klirrenden Fahnen. Doch in Irina Liebmanns Roman aus dem tief verschneiten Berlin der Gegenwart wird sie uns noch einmal so herzerwärmend schön erzählt, als sei sie eben erst erfunden worden. Oder als hätte sie nie aufgehört. Denn Elisabeth Schlosser, die Heldin dieses winterlichen Romans, könnte auch Christa T. heißen, die – wenn sie in ihrer finsteren mecklenburgischen Kleinstadt nicht schon vor Jahrzehnten gestorben wäre – heute als sechzigjährige Frau am Hackeschen Markt in Berlin leben könnte. Einsam, von Mann und Kindern verlassen wie Abertausende gebildete, ältere Frauen in den deutschen Großstädten, deren Männer es im Alter vorziehen, einer anderen Frau, »einer Frau in sehr kurzem Kleid«, die Welt zu erklären, wie es bei Irina Liebmann heißt.
Elisabeth Schlosser lebt dieses einsame Leben einer »freien Frau« mit großem Anstand und in zerstörerischer Treue zu sich selbst. 1943 in Moskau geboren, wie ihre Erfinderin, wurde sie in den ersten Nachkriegsjahren von einer russischen Transportmaschine nach Ost-Berlin eingeflogen, wuchs auf, studierte, liebte, arbeitete und lebte die längste Zeit des Lebens unter einem geteilten Himmel. Im Grunde eine 68erin, aber nicht in dem triumphalen Sinn, der diesem Wort im vereinigten Deutschland anhaftet: nicht erfolgreich, geläutert, westlich und männlich, sondern erfolglos, verwirrt, östlich und weiblich.
Insofern ist Irina Liebmanns Roman auch ein Buch über eine vergessene Mehrheit. Und nicht nur das. Es ist eines der wenigen Bücher in deutscher Sprache, in dem wir die Welt mit den Augen einer alternden Frau betrachten. Die alternde Frau, als Subjekt, kam in der deutschen Literatur bisher nicht vor. Dass Autorinnen wie Irina Liebmann, Christa Wolf, Monika Maron, Ingrid Bachér und Sarah Kirsch sich zum ersten Mal auf dieses unbeschriebene Terrain wagen, ist eine Revolution.
Von Christa T. – dieser Melancholia des Ostens, diesem Inbild eines selbstmörderischen weiblichen Widerstandes gegen die männlich verwalteten Welt – hieß es damals, dass ihr »Unglück als ein angemessener Preis« zu betrachten sei für die »Verweigerung der Zustimmung«. Das Selbstopfer war immerhin eine Heldentat. Ein Aufstand, der sich, angesichts der Übermacht des Feindes, ersatzweise gegen die eigene armselige Person richtete. Das Maximum an Güte, das die selige Christa T. gegen sich selbst aufzubringen gewillt war: für zehn Mark Bratkartoffeln mit Sülze. Das konnte einem schon das Herz erweichen.
Alles ist gleich geblieben: die Trauer und die Fremdheit im eigenen Leben
So viel Tod und Tränen, und nun ist alles verschwunden: die Sülze und die Mauer und das ganze Drama um die unverstandene Weiblichkeit. Darüber ist nun schon genug geklagt worden (am schönsten und humorvollsten in Monika Marons wunderbarem Roman Endmoränen ): über das große Umsonst, das so viele Ostbiografien umflort, die verlorenen Jahre, in denen man sich aufgerieben hat mit seiner Halbtrauer, seiner Halbkritik an einem unnahbaren Vater Staat, der plötzlich seinen Bauch in Falten legte und verschwand. Merkwürdig und beachtlich ist etwas anderes: Deutschland ist nun schon länger wieder vereint, als das »Dritte Reich« je bestanden hat. Aber alles ist gleich geblieben. Die Trauer, die Starre, die Fremdheit im eigenen Leben und sogar der Schnee, der Berlin wie im Schüttelglas unter sich begräbt. Dies in starken allegorischen Bildern, im Ton einer zeitgemäßen Alters-Elegie zu erzählen ist die große diagnostische Kraft des neuen Romans von Irina Liebmann.
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







