Roman
Die kleine Kneipe in unserem Herzen
Boualem Sansal bringt die Gäste in der Bar des Amis in Algier zum Sprechen
Vor dem Attentat hieß sie Citadelle de Bab el-Oued, »mit Einbruch der Nacht qualmte sie los wie ein Fabrikschlot, untertags trug sie die Miene eines glücklichen Streikenden.« Doch die Bar in der Altstadt von Algier war auch ein Forum für die kommende algerische Revolution, man traf sich dort zum Reden und Planen, bis drei selbst gebaute Sprengsätze hochgingen und die Bar eine Ruine war. Noch Jahrzehnte danach lebt die Kneipe, die heute Bar des Amis heißt, von der revolutionären Legende um die Vorgängerin.
Viele der damaligen Gäste sind tot, einige haben es geschafft, sich ins Ausland abzusetzen, wieder andere sind im gewöhnlichen Leben untergetaucht: »Was tun? Man heiratet, macht zwei, drei Kinder, um auch das auszuprobieren, besorgt sich einen Gehaltszettel irgendeiner nicht allzu anrüchigen Behörde, panzert sich mit Philosophie und richtet sich ein in seiner Position als armer, in der Masse untergegangener Kerl«, der Geschichten erzählt und denen der anderen zuhört.
Ein Leben, dem sich Boualem Sansal, der 1949 geboren wurde und also zur algerischen Variante der jungen 68er gehört, verwandt fühlt. Allerdings bekleidete der Ingenieur und promovierte Ökonom Sansal im algerischen Industrieministerium nicht irgendeine, sondern die Position des Generaldirektors. Bis 1999 mit Der Schwur der Barbaren sein erster Roman erschien, der in Frankreich gefeiert und mit dem Prix du Premier Roman ausgezeichnet wurde.
In Algerien führten die Taten und Aussagen des mutigen, reifen Debütanten mit einer Verzögerung von vier Jahren zur Beurlaubung vom Dienst. Denn mit seiner eigenwilligen Mischung aus detailliertem Alltagsrealismus und erinnerungssüchtiger Poesie trifft Sansal in seinen bislang drei Romanen gleich mehrere heikle Punkte der über die Jahrzehnte hinweg amtierenden Regime: Der Verfall der Schönheit Algiers und seine trostlose Gegenwart werden genauso festgehalten und beklagt wie dunkle Phasen der Geschichte. Der verstorbene Schriftsteller Rachid Mimouni, dem mit Tombéza einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts gelang, tat gut daran, seinen Freund Sansal zum Schreiben aufzufordern.
Mit der Bar des Amis hat Erzähl mir vom Paradies ein klar lokalisiertes Zentrum. Über den Geschichten, mit denen sich die Gäste die Zeit vertreiben, gerät der Leser von Algier bis nach Paris, aber auch bis in gottverlassene Gegenden im Süden des Landes, nach Msila und Mcif. Dabei sind die »Reiseberichte eines Bantunesen aus Paris und Umgebung« der schwächste Teil des Buchs. Satirisch-humoristisch gemeint, bringen sie allenfalls harmlose Geschichten von kurzen Röcken und lassen sehnsüchtig von Rachid Boudjedras verzweifelter »topographie idéale pour un aggresseur cultivé« träumen.
Deutlich besser gelungen ist Sansal die Konfrontation der europäischen mit der algerischen Welt in der Geschichte der Schwestern Farida und Romyda. Beide sind emigriert und kommen als Witwe respektive enttäuschte Single-Frau nach zwei Jahrzehnten wieder, aber sie finden nur schwer in den Alltag im Maghreb zurück, wo Frauen sich ducken müssen und Bürgermeister sagen: »Was für eine Cholera? Gerüchte… Sommer, es ist heiß…«, während draußen die Menschen verrecken.
»Falls es irgendwo einen Hilferuf gibt, dann dieser Rauch, der sich über den Wellblechdächern kräuselt. Und falls dort Lebewesen hausen, dann sind sie seit langem verdorrt (…). Skorpione schleifen ihre Spritze hinter sich her wie ein erschöpfter Rekrut seine Keulen, verkümmerte Schatten schleichen durch den Sand, Springmäuse hüpfen blind umher.« Immer wieder wird die abweisende Schönheit des Hinterlands zwischen Tell- und Sahara-Atlas sarkastisch beschworen. Weil Sansal seine literarische Landvermessung aber nicht nur geografisch, sondern ebenso gut historisch betreibt, entsteht allmählich ein poetisches Porträt des ganzen Landes, das in die Tiefe geht. Die Geschichten, die in der Bar des Amis erzählt werden, reichen von den Kolonisatoren des 18. Jahrhunderts bis zu den zwölfjährigen Jungs von heute, die es spannend finden, sich unter die Terroristen zu mischen. Dass manche der Geschichten dramaturgisch nicht allzu geschickt verbunden sind, vergisst man da gern.
Weniger Freude bereitet die Übersetzung. Sie ist lange nicht so gut wie das Buch. Vor allem im Alltagsbereich finden sich Patzer, die leicht hätten vermieden werden können. Warum im Deutschen der »Hypermarkt« auftauchen muss, wenn im Französischen »grande distribution« steht und die Einkaufszentren der Großverteiler gemeint sind, bleibt ebenso unerklärlich, wie das »Fakultätenviertel«, womit das Universitätsviertel Algiers gemeint ist. Auch das schnoddrig-dialektale Umgangsfranzösisch der Bar-Dialoge ist oft nicht eben glücklich ins Deutsche gebracht. Gesprochene Sprache zu schreiben ist schwierig, sie zu übersetzen beinahe unmöglich. Doch wer erträgt Wörter wie »proppenvoll« oder »biste taub«, wenn algerische Verhältnisse gemeint sind? Viel besser sind Regina Keil-Sagave die literarischen, klassisch-schönen Stellen des Texts geglückt.
Und das Paradies? Von Msila aus ist es das blühende Algier, von Algier aus die Metropole Paris, oder doch der Ort, wo der Weizen von selbst wächst? Ist es die glorreiche Vergangenheit, die keiner erlebt hat, oder die Zukunft nach der Revolution, voller Geld und Frauen ohne Schleier? Das Paradies, sagt einer der Erzähler in der Bar, ist »unsere Marotte«, und lobt seine schäbige Dreizimmerwohnung, die keinen interessiert.
- Datum 29.11.2007 - 10:40 Uhr
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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