Ein Meisterwerk. Ein Wunderding der Prosa, dessen Elemente gemischt sind aus Mythen und Mären, Fabeln, Legenden und einer wunderschönen Liebesromanze – fliegender Teppich von Sindbad und sehr reale Verwüstungen dieser Erde. Die Kunstfertigkeit, mit der Rafik Schami seinen Zauberteppich geknüpft hat, die dunkle Wolle von Blutrache, Stammesfehden und Familienzwist, durchschossen vom leuchtend schimmernden Silberfaden der Liebe, dabei ständig neue Figuren-Ensembles zusammenfügend zu Bildern ganz unvergesslicher Eindrücklichkeit: schlechterdings bewundernswert. Sein Atem, seine Kraft gehen nie aus – ob er nun erzählt von Grausamkeit oder den kleinen Lügen der Menschen, von Sex (nicht zu knapp) oder von schleierverhangener Schüchternheit, von braver Tüchtigkeit oder der großen Gier nach Gold, Geld und Macht.

Die Antwort auf die Frage, warum dieser Großroman so beglückend gelungen ist, ist gar nicht leicht zu finden. Denn nacherzählen lässt sich die verzwackte und verzweigte Handlung, die mal voranspringt, dann wieder zurückgreift, unterbrochen wird von kleinen Figurengemmen, Geschichtsbrocken, politischen Reflektionen, um dann immer wieder einzumünden in großflächig ausgemalte Bilder eines Situationisten – nacherzählen lässt sich das alles nicht. Gewiss, im Zentrum steht das Liebespaar Farid und Rana, Sprösslinge in tiefer Fehde verbundener Familien; und wenn man sie das arabische Romeo-und-Julia-Paar nennt, hat man sich bereits in ein Klischee geflüchtet, wie es die Reklamewelt unserer Tage mit ihrem ewig-abscheulichen "die Marlene unserer Tage" tut. Nein, das hier ist ganz genuin, und glücklicherweise hat der kluge Hanser Verlag diesem Roman-Ungetüm ein "Einlesebuch" beigegeben, das sowohl die verwickelten Personen- und Familienkonstellationen als auch die wichtigen historischen Stationen erklärt; denn wer von uns Oberschlauen weiß schon so genau, wann Damaskus zu welchem Reich gehörte und wann zu welchem Beirut; wo, wann und wie Engländer und Franzosen sich mal verbündeten und mal gegenseitig reinlegten, um ein Stück des arabischen Kuchens zu gewinnen; wann Syrien mit Ägypten paktierte und warum eines Tages nicht mehr. Ja, man braucht diese Lesehilfe.

Die Augen des Kamels sehen leer in die Ewigkeit

Und – hier beginnt das Wundersame –: Nein, man braucht sie auch wieder nicht. Rafik Schami schafft es, uns an die Hand zu nehmen, uns gleichsam nach dem Prinzip der Oral History ins Ohr zu flüstern "Und es begab sich…" – und siehe, wir folgen ihm, und sei es zum Kamelmetzger: "Plötzlich fiel Farids Blick auf einen Kamelmetzger in einer fernen Ecke der Karawanserei. Im christlichen Viertel ist Kamelfleisch verpönt, deshalb hatte Farid nie zuvor dergleichen gesehen und nie wieder sollte er die grausame Szene vergessen.

Das erhabene große Tier stand vor der Tür der Metzgerei. Es blickte mit vor Angst geweiteten Augen zu Farid. Ein Zwerg von einem Metzger schliff sein großes Messer und schwatzte dabei mit einem anderen Mann, der in der Nähe Jutesäcke nähte. Zwei Männer brachten das Kamel schließlich mit Mühe dazu, sich niederzuhocken. Das Tier schaute immer noch Farid an, als wollte es um seinen Beistand bitten. Dann zog der Metzger sein großes Messer über den Hals des Kamels wie einen Bogen über die Saiten einer Geige. Blut spritzte und ergoss sich in eine gewaltige Schüssel. Die Augen des Kamels sahen jetzt leer in die Ewigkeit."

Doch gleich eine Warnung vorweg: Nicht zu tun haben wir es, sagen wir, mit literarischer Air-port-Art, mit gefälligem arabischem Exotismus; Rafik Schami ist kein Karl May im Burnus, ist vielmehr ein Schriftsteller von großem kompositorischen Raffinement, geboren in Damaskus, seit 1971 in Deutschland lebend und – man mag es kaum glauben, dieses Kunstwerk in Händen – deutsch schreibend. Er braucht – nicht als schickes Sandelholzparfüm, sondern als Bild für Heimat – solche perlmuttschimmernden Stellen in seinem Teppich (wie er später, an anderer Stelle, die schwarzen Rosshaarfäden von Gewalt, Mord und Tortur einzieht): "Das Fischessen war ein Gemälde fürs Auge und Musik für den Gaumen, kurz: ein Kunstwerk, an dem Italiener, Griechen, Türken und Araber mehrere Jahrtausende gearbeitet hatten. […] Als Farid am Nachmittag mit Claire aus dem Taxi stieg, atmete er tief den Duft seiner Gasse ein. In den Innenhöfen der Häuser wuchsen Pomeranzen- und Zitronenbäume, Rosen, Oleander- und Jasminsträucher."

Es ist also ein Roman der arabischen Welt. Eine der großartigen Besonderheiten des Buches aber ist, dass er uns, seinen Lesern, diese nur scheinbar fremde Welt mit ihren, wohl wahr, noch immer anderen Sitten, Bräuchen und Werten sozusagen implantiert. Auch wenn es um Jungfernhaut (inzwischen bei den Damen der reichen Oberschicht von Pariser Ärzten wieder einoperiert) als Voraussetzung für die von den Eltern ausgehandelte und bestimmte Ehe geht; auch wenn "Ehre" einen Stellenwert bis zur Blutrache einnimmt, für uns ein Begriff, verklungen seit Nibelungenzeiten; auch wenn fremde Kinder zu Geschwistern erklärt werden (also nicht heiraten dürfen), hat sie dieselbe Amme genährt; auch wenn Homosexualität zwar praktiziert, aber nicht akzeptiert wird: aus vielen solchen "Auch-wenn"-Einlassungen ließen sich trefflich Grenzziehungen schraffieren. Aber das tut Rafik Schami nicht:

"Muslime und Christen dürfen miteinander kämpfen, Handel treiben, trauern, feiern, arbeiten, leben und sterben, nur lieben dürfen sie sich nicht. Und wagt es dennoch ein Paar, so heißt die Antwort Tod. In nichts sind die Araber konsequenter als in diesem Punkt."