Erzählungen Die beruhigte Republik
Burkhard Spinnens Erzählungen über den ganz normalen deutschen Hamlet und seinen durchschnittlichen Wahnsinn.
Der Reservetorwart in Burkhard Spinnens gleichnamigem neuen Geschichtenbuch erhält eines Tages die Chance, von der Reservebank auf einen Stammplatz in der Mannschaft zu wechseln. Ganz groß könnte er rauskommen, endlich ein Fußballstar werden. Er trottet auch pflichtgemäß ins Tor, aber dann schafft er es irgendwie, sich wehzutun und den Rest seines Lebens unbehelligt als Sportinvalide zuzubringen. Der Reservetorwart ist nicht eigentlich ein Versager. Er rettet sich bloß vor dem Ruhm, er sichert im rechten Augenblick das Gleichmaß seiner Existenz – als Hintergrundfigur des Lebens, als Schattenmann.
Ähnlich wie Fribeck in der nächsten Geschichte. Ihm waren früh die Haare ausgegangen, aber nun, mit 45, wachsen sie ihm wunderbarerweise wieder neu. Er könnte zurück in die Welt der Behaarten – Respekt, Frauen, Erfolg –, aber er rasiert sich am Ende alles wieder ab. Auch er zögert, schreckt davor zurück, sich vor den anderen wieder auszustellen, sich zu entäußern, und diese Reaktion ist, beobachtet man sich selbst, im Grunde die vertraute. Erstaunlich ist nur, dass diese Handlungsweise auch die erzählenswerte ist.
Ein Held zwischen friedlichem Selbsterhalt und Schrebergarten
Seit dem Roman Langer Samstag oder seit Erzählungsbänden wie Kalte Ente gilt Burkhard Spinnen als der Chronist des Durchschnittsmenschen. Der aber ist in Wahrheit nicht der Charakter des statistischen Mittels und schon gar nicht massenhaft zu beobachten, sondern er ist eine Kunstfigur. Der Nichtheld erobert so wenig die Welt, wie er sich Anrecht auf spontanes Mitleid erwürbe. Was dagegen an ihm interessiert, ist der fein gesponnene Kokon seiner Existenz, genauer gesagt dessen Schillern zwischen verbunkertem Schrebergartenidyll und friedlicher Form des Selbsterhalts. Richtig und falsch, gut oder böse lassen sich in seinem Fall nicht voneinander trennen. Das literarische Konstrukt der Normalität schärft jedoch den Blick für all seine Tricksereien, für die Lebenslügen und kleinen Brutalitäten gegen sich und andere, mit denen er die Illusion gelebter Normalität erhält. Und das Erzählen setzt ein, sobald sein Existenzkokon aufbricht, durch Druck von außen, manchmal aber auch von innen.
Einige dieser Geschichten umreißen nur eine kurze Episode: Kortschläger beispielsweise wird morgens entlassen, geht abends pflichtgemäß zu seinem Kochkurs und erzählt beiläufig, was ihm passiert ist. Keiner will es hören, niemand möchte sich beim Entenbraten aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Die Kokons der anderen sind manchmal stabiler als der eigene. Weitere Stücke sind wahre Kurzromane, wie etwa die Geschichte des berühmten Biochemikers und Nobelpreisträgers Walterscheidt, der von der Angst geplagt wird, dummen Nachwuchs zu hinterlassen. Ein Assistent überredet ihn zu einem aberwitzigen Experiment. Walterscheidt zeugt eine ganze Population von unehelichen Kindern und beobachtet, welche von den Kleinen klug zu werden beginnen. Schließlich adoptiert er zwei. Als sie bei einem Unfall ums Leben kommen, bricht er zusammen und stirbt auch.
Erkennbar sind Spinnens Gestalten Bundesrepublikaner. Sie leben in den schwach konturierten deutschen Mittelstädten, wo der Zeitgeist sich in den Fußgängerzonen niedergelassen hatte und mit den Jahren Speck ansetzte, bis man ihn vergaß. Nicht Politik und Geschichte, sondern Sportereignisse gliedern dort die Zeit. Die Biografien sind Aneinanderreihungen von Ritualen, meist von selbst erfundenen. Einer beschließt eines Tages, eine Frau haben zu wollen, wählt sie sich aus – und kriegt sie auch noch! Das Tempo ihres Lebens ist nicht eben hoch, aber schon bei geringer Beschleunigung trägt es diese Menschen aus der Bahn. So geschieht es mit Paslack, er verhindert auf einer Geburtstagsfeier, dass der Sohn vom Chef vom Balkon stürzt. Keiner merkt es, er hält darauf eine flammende Ansprache gegen den Materialismus und wirft kurz entschlossen alles hin.
- Datum 05.09.2007 - 13:56 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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