Erzählungen Die beruhigte RepublikSeite 3/3
Burkhard Spinnens Erzähltraditionalismus verdankt sich dem Willen, das Erzählte vor allgegenwärtigen und allfälligen Deutungen zu schützen. Das ist nicht leicht unter den Bedingungen des Literaturbetriebs. Gemeint sind jene soziologischen Schlagwörter, billigen Kritikmuster und Instant-Imagebildungen, die einen literarischen Text angehen wie die aggressiven Sauerstoffmoleküle die Körperzellen. Sie heißen freie Radikale. Kein Autor ist heute vorm Angriff der freien Radikale sicher. Oft ist ein Stück Literatur schon von Bescheidwisserei umschwirrt, bevor es erschienen ist, häufig ein Autor nur noch die Karikatur seiner selbst in der Auseinandersetzung mit dieser Art böser oder auch liebevoller Voreingenommenheit. Und so gibt es zwei Episoden in diesem wunderbaren Band Kurzprosa, die wirklich satirisch sind. In ihnen tritt der pompöse Zeitgeist-Dichter Weber auf, der sich lauthals über die Zumutungen der politischen Korrektheit beschwert und dabei doch nur einen auf die Erwartungen der Szene antwortenden Literaten-Automaten abgibt.
Der Schriftsteller Spinnen nimmt am literarischen Leben ebenfalls Anteil und ist keineswegs gewillt, sich in eine Einsiedelei des heiligen Schreibens zurückzuziehen. Um aber öffentlich bei sich zu bleiben und die Eigenart seiner Literatur zu bewahren, lässt er seine Figuren stellvertretend das Wagnis der Vereinzelung oder der Vergesellschaftung eingehen. Das Durchschnittliche ist die Arena der Aufregungen, das Nullsummenspiel der Existenzirrtümer. In seinem Anblick kann sich der Autor als unbewegter Beweger fühlen. Die kunstvoll inszenierte Mitte ist der eigentlich dramatische Ort. Dies vorzuführen macht den Schriftsteller Burkhard Spinnen unverwechselbar.
- Datum 05.09.2007 - 13:56 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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