Arabische Kinderliteratur ist hierzulande weitgehend unbekannt. Umso erfrieulicher, dass es nun auf der Buchmesse für neugierige Leser (und abenteuerlustige Verleger) eine Menge zu entdecken gibt. Die Schwerpunkte der arabischen Verlagstätigkeit liegen in Ägypten und dem Libanon, es existieren jedoch kaum spezialisierte Kinderbuchverlage. Manche Verlage verfügen auch über umfangreiche Kinderbuchprogramme, eine Entwicklung, die sich fortsetzen wird, sind doch allein zwischen 1980 und 2000 dreimal so viele Kinderbücher erschienen wie in den 150 Jahren davor.

Bei der arabischen Kinderliteratur – ich konzentiere mich hier auf Texte, die in arabischer Sprache geschrieben oder aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt wurden – stehen meist didaktische und moralische Ziele im Vordergrund. Bücher zum spielerischen Lernen finden sich häufig, jedoch sind zweckfreie Kinderbücher ebenso rar wie Texte, die das Alltagsleben miteinbeziehen.

Die Bücher werden oft mit dem Argument angepriesen, sie führten das Kind zum Guten und Schönen. Was jedoch jeweils darunter verstanden wird, differiert von Land zu Land. So gibt es in Saudi-Arabien, wo der Islam rigide ausgelegt wird, Bilderbücher, in denen die Gesichter der abgebildeten Personen aus religiösen Gründen nur als weiße Flächen zu sehen sind. In Geschichten aus Libyen wird dagegen oft ein Lob des Revolutionsführers Ghaddafi gesungen, während negative Klischees gegenüber Juden regelmäßig auftauchen. Im Extremfall werden Kinder zu Attentaten auf Soldaten aufgefordert, so in dem Buch Sirr al-Barri des Verlags Dar al-Fata al-Arabi, das mir Ende der achtziger Jahre von einem Buchhändler des Institut du Monde Arabe in Paris wärmstens zur Übersetzung empfohlen wurde.

Viele Kinderbücher beziehen sich auf traditionelle Gegenstände, nehmen ihre Themen häufig aus dem Koran oder dem Leben des Propheten Mohammed. Auch Volksmärchen und die humorvollen Anekdoten von Dschuha, dem arabischen Eulenspiegel, sind sehr beliebt. Von den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht existieren ebenso zahlreiche Kinderfassungen wie von Kalila und Dimna, einem Zyklus ursprünglich indischer Fabeln aus dem Mittelalter. Diese Stoffe sind im gesamten Nahen Osten bekannt.

Die Ausstattung der Literatur für Kinder ist eher einfach, gebundene Bücher sind selten zu finden, meist sind es dünne, von standardisierten Comicfiguren bevölkerte Heftchen, oft in Reihen produziert. In den letzten Jahren wandelt sich dieses Bild jedoch, und Kinderbücher werden mit mehr Liebe und Sorgfalt produziert. So hat in Ägypten Suzanne Mubarak, die Frau des Staatspräsidenten, mit Literaturwettbewerben viel bewirkt. Man findet immer häufiger Bücher mit hervorragenden modernen Illustrationen, die von traditionellen Malweisen inspiriert sind und sehr wirkungsvoll kalligrafische Elemente einsetzen.

Ein sehr gutes Beispiel ist al-Amira al-mazlouma (Die unterdrückte Prinzessin) von Radschi Anait, ein ungewöhnliches Märchen über eine mutige Prinzessin, die sich erfolgreich einem tyrannischen König entgegenstellt (Dar al-Shorouk, Kairo). Dieses Buch wurde von dem namhaften ägyptischen Illustrator Helmi El-Touni bebildert, der dafür 2004 für den Hans-Christian-Andersen-Preis des International Board on Books for Young People (IBBY) nominiert wurde.

Bisher existieren leider nur eine Hand voll Übersetzungen arabischer Kinderbücher ins Deutsche, so etwa beim verdienstvollen Kinderbuchfonds Baobab, der jetzt im Atlantis Verlag zu Hause ist. Dort erschienen von Tarik Bary die fantasievolle Internatsgeschichte Der König der Dinge sowie Kater Ziku lebt gefährlich von Emily Nasrallah, jetzt in einer Neuauflage veröffentlicht. Kater Ziku schildert die Schrecken des libanesischen Bürgerkrieges aus der Perspektive eines Katers.

Leider werden der schlichte, bunte Umschlag wie der unpassende Titel dem aufwühlenden Text nicht gerecht. Zwar empfiehlt der Verlag das Buch auch für Kinder, ich würde es lieber in der Hand von Jugendlichen und Erwachsenen wissen. Bei Baobab erschien auch 2002 Das Notizbuch des Zeichners, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war (ZEIT Nr. 49/02). Der bedeutende ägyptische Illustrator Mohieddin Ellabbad erzählt in dem zweisprachigen Buch auf sehr persönliche Weise von seinem Leben und seiner Kunst, collagiert Fotografien, Schrift und Bilder zu einem bunten Teppich der Erinnerungen.

Der Verlag Edition Orient in Berlin präsentiert ein Programm mit zweisprachigen arabisch-deutschen Kinderbüchern von namhaften Autoren aus Ägypten, Bahrain und Syrien und bekannten Illustratoren aus Ägypten und dem Jemen. Dort erscheint von Walid Taher Mein neuer Freund, der Mond . Die modern illustrierte Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der abends mit dem Fahrrad allein nach Hause fährt und sich sehr darüber freut, dass er vom Mond scheinbar auf seinem Weg begleitet wird.

Leider haben Verlage und Buchhandlungen bezüglich arabischer Büchern oft Vorbehalte. So bekomme ich entweder zu hören: »Das Buch ist sehr schön, wirkt aber zu fremd«, oder es hieß sogar: »Das Buch ist zu arabisch.« Sollten statt fremder, allzu arabischer Bücher lieber vertraute, un-arabische Werke aus dem Arabischen übersetzt werden? Glücklicherweise sind bei Kindern solche Scheuklappen gegenüber neuen Seh- und Leseerfahrungen selten zu finden, wie Lesungen in Schulen und Kindergärten zeigen. Und sollte der erste Schritt auch über etwas sehr Äußerliches führen: das Interesse an der schönen arabischen Schrift.