Albuquerque, New Mexico

Möglich, dass die Schlacht um New Mexico diesmal an den sanften Hängen über dem Rio Grande entschieden wird. Dort, wo Albuquerques Vororte in die Wüste auswuchern und Joshua Sanchez und sein Kamerad jeden Tag ins Gefecht ziehen. Sie sind bewaffnet mit Formularen, Stiften und Baseball-Kappen. Darauf steht der Name ihrer Organisation: Moving America Forward. Sobald sie irgendwo klingeln, soll ein kleiner Landgewinn für die Demokratie zu verbuchen sein. Denn die beiden wollen neue Wähler gewinnen für den großen Kampf zwischen Präsident und Herausforderer. Weil es in Amerika keine Meldepflicht gibt, muss sich jeder, der wählen will, selbstständig registrieren lassen.

Es ist früher Abend. In der Ferne steht eine milde Herbstsonne über jener Landschaft, die einst dem Marlboro-Mann Bühne war und seither als Symbol des Westens gilt. Bloß dass mittlerweile Einfamilienhaus-Siedlungen in den Vordergrund gerückt sind. Albuquerque wächst nicht, die Stadt explodiert. Hier erfüllt sich ein amerikanischer Traum neben dem anderen, jeweils mit Doppelgarage. Die Reihenhäuser sind hübsch und doch relativ bescheiden. In den Steingärten wachsen vereinzelt Palmen. Auf den Klingelschildern stehen Namen wie Galindo oder Montano, Martinez oder Delossantos. Öffnet sich eine Tür, beginnt das Gespräch immer gleich: "Der Gouverneur schickt uns." Das erzeugt erst einmal Autorität. Nun stellen die Wähler-Werber sich vor: Sanchez und Pino. Solche Namen schaffen in Latino-Vierteln Vertrauen. Der eine ist mexikanischen, der anderen indianischen Ursprungs. Kein Weißer hätte hier eine Chance.

"Wollen Sie sich zur Wahl registrieren lassen? Geht ganz schnell." Nach einer Stunde steht ein halbes Dutzend Namen auf dem Block. "Hier könnte man jahrelang weitermachen", sagt Joshua Sanchez. Kaum zwanzig Prozent der Bewohner von Latino-Vierteln sind registriert. Am anderen Ende der Stadt, wo weiße Anglos in Villen wohnen, ist fast jeder wahlberechtigt. Sanchez fühlt sich deshalb als "Kämpfer gegen die Entrechtung". Und Moving America Forward bezeichnet sich als überparteiliche Gruppe im Dienste der Gleichberechtigung. Zusammen mit Partnerorganisationen will sie bereits 120000 neue Wähler rekrutiert haben. Damit hätte New Mexico zehn Prozent mehr Wahlberechtigte als im Jahre 2000 – und eine völlig neue politische Topografie.

An jeder Haustür stellen die Wähler-Werber in aller Unschuld eine weitere Frage: "Wen wollen Sie im November unterstützen?" Die meisten zögern keine Sekunde. Kerry ist hier Star, der Name Bush fällt nur einmal. Die Bürgerrechtler von Moving America Forward wollen ab sofort durch Hausbesuche und Briefe, am Ende durch Fahrdienste sicherstellen, das die Neuwähler nicht vergessen, ihr Recht wahrzunehmen. Dem Gouverneur wird dieser Zwischenstand gefallen. Der Mann ist Demokrat – und seine Bürgerrechtsgruppe in Wahrheit eine kaum getarnte Parteiorganisation, eine Brigade im Bodenkrieg der Demokraten. Auf dem ganzen Kontinent rekrutieren Moving America Forward und deren Partner Stimmvieh für den Wahlsieg. Den Umfragen, die New Mexico im Patt sehen, misstrauen sie. Wegen der vielen Erstwähler könnten die Demoskopen den wahren Vorteil der Linken nicht messen. Denn mindestens zwei von drei Latinos würden Demokraten wählen.

"Latinos halten womöglich den Wahlsieg 2004 in Händen", schreibt Jorge Ramos in seinem Buch The Latino Wave – How Hispanics will Elect the Next American President. Tatsächlich wächst die Macht spanischsprachiger Einwanderer exponentiell. Es sind 38,8 Millionen Menschen, knapp 60 Prozent mehr als noch 1990 – Amerikas größte Minderheit. Die Zahl der Stimmbürger steigt rasant: 1996 waren es fünf Millionen, im Jahr 2000 sechs, diesmal dürften es acht Millionen sein. Angesichts dieser Steigerungsrate, schreibt Ramos, kämpften beide Parteien bei den Neubürgern "um ihre eigene politische Zukunft". Außerdem leben die Latinos konzentriert in den Bundesstaaten des Sonnengürtels und können dort die Entscheidung herbeiführen. Nirgends ist ihr Anteil (mit 42 Prozent) so hoch wie in New Mexico. Hier lässt sich Amerikas Zukunft schon besichtigen.

Eloisa Corona, eine waschechte "Latina-Demokratin"

In Gestalt von Eloisa Corona zum Beispiel, die den Lesern der Albuquerque Tribune vergangene Woche als "prototypische Latina-Demokratin" vorgestellt wurde. Man findet sie in der Eldorado High School, einem weitläufigen Campus für 2000 Angehörige von New Mexicos neuer Regenbogen-Generation. Wenn sich ein Schüler eine Beule holt, ist Eloisa Corona in der Krankenstation zur Stelle. Die 60-Jährige verdient im Jahr 21000 Dollar, nicht viel, knapp die Hälfte des amerikanischen Schnitts. Aber drei Kinder hat sie durchs College gebracht, es sind die ersten Hochschulabsolventen der Familie. Der Vater war Kleinbauer, pflanzte Bohnen und ging später als Arbeiter in die Stadt. Er sprach nur spanisch und erlebte noch jene Zeit, als vor manchem Restaurant ein Schild hing: "Hunde und Mexikaner bleiben draußen."