Die Zahlen sind niederschmetternd. Noch immer fehlen in Deutschland 31200 Lehrstellen. Ist der von der Wirtschaft initiierte Ausbildungspakt damit gescheitert? Muss jetzt doch die Ausbildungsabgabe eingeführt werden? Für eine endgültige Antwort ist es zu früh. Dennoch lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche Maßnahmen denkbar wären, um die Misere bei den Lehrstellen zu beheben.

Ausbildungspakt Das Handwerk und die Industrie- und Handelskammern haben sich dazu verpflichtet, sich um die Jugendlichen zu kümmern, die bis jetzt keine Lehrstelle gefunden haben. Dazu läuft eine Nachvermittlungsaktion, bei der in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit die individuellen Fähigkeiten der betroffenen Schulabgänger ermittelt und dann geeignete Ausbildungsplätze gesucht werden sollen. Wenn die einzelnen Unternehmen und nicht nur die Kammern die Initiative unterstützen, kann sie durchaus helfen, die Lehrstellenlücke zu schließen. Es ist somit noch zu früh, den Ausbildungspakt für untauglich zu erklären. Denn freiwillige Vereinbarungen der Wirtschaft können durchaus positive Wirkung zeigen.

Das beweist etwa die Chemiebranche. Dort existiert eine gut funktionierende Übereinkunft zwischen den Arbeitgebern und der Gewerkschaft. Demnach soll die Zahl der Lehrstellen in den kommenden Jahren kontinuierlich erhöht werden – und zwar ausdrücklich, um auf die vorübergehend deutlich wachsende Zahl der Schulabgänger in den nächsten Jahren zu reagieren. In diesem Jahr soll die Lehrstellenzahl beispielsweise um 1,7 Prozent steigen, nachdem die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr schon um zwei Prozent erhöht worden war. So sichert sich die Chemieindustrie ihre Zukunft, auch wenn in ein paar Jahren die Zahl der Schulabgänger wieder stark zurückgeht.

Umlagemodell Auch in der Baubranche existiert seit langem ein eigenes Modell: Dort zahlen alle Unternehmen per Umlage in einen tariflich vorgeschriebenen Ausbildungsfonds ein. Daraus werden dann die Firmen unterstützt, die den Nachwuchs für die Branche heranziehen. So ein Instrument ist ökonomisch durchaus sinnvoll. Denn der Vorteil für die gesamte Branche (oder die gesamte Gesellschaft), der mit einer ausgebildeten Fachkraft verbunden ist, kann weitaus höher liegen als der Nutzen, den der einzelne ausbildende Betrieb durch seine Lehrlinge hat. Wirtschaftswissenschaftler sprechen in so einem Fall von einem externen Effekt. Dass die Unternehmen diesen Nutzen in Rechnung ziehen und im Wege einer Umlage für die Kosten aufkommen, ist wirtschaftlich vernünftig.

Gehaltskürzung Die Frage, wie attraktiv es für ein Unternehmen ist, Ausbildungsplätze anzubieten, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Neben der Konjunktur, den eigenen Geschäftserwartungen und den Fähigkeiten der Schulabgänger spielen insbesondere die Kosten für die Azubis eine Rolle. Um diese zu senken, könnten Unternehmen mit den Auszubildenden vereinbaren, dass diese unter bestimmten Umständen einen Teil der Ausbildungskosten selbst übernehmen müssen – beispielsweise wenn sie gleich nach Abschluss ihrer Lehre zu einem anderen Unternehmen wechseln sollten. Denkbar wäre es außerdem auch, bei einem Mangel an Lehrstellen die Ausbildungsgehälter nicht weiter zu erhöhen.