Die Aura um Anton Bruckner überragt bei weitem die riesigen Hüte, die der Komponist mit Vorliebe trug. Zum Komponisten für Maestros und Mystifizierer wurde er, zum Objekt der großen Exegese eher als der präzisen Realisierung. Viel Metaphysik, Botschaft, Bedeutung raunte man Jahrzehnt um Jahrzehnt in seine Sinfonien hinein und tat zwar dem Katholiken Bruckner damit nicht Unrecht, aber doch dem Musiker, dem Handwerker und Experimentierer. Zwar haben sich die Nebel in den letzten zehn Jahren gelichtet, das Interesse an Strukturen und Details ist gewachsen, aber noch immer dominiert der Eindruck, es handele sich bei Bruckners Sinfonien eher um eine Zeiten überwölbende Weltanschauung als um einen Teil der Orchesterliteratur des 19. Jahrhunderts.

Da tut es gut, wenn mal eine andere Perspektive zu ihrem Recht kommt. Die Uraufführung der Siebten Sinfonie anno 1884 in Leipzig wurde von einem Gewandhausorchester realisiert, in dem nur 44 Streicher vor gut 20 Bläsern saßen, in dem die Instrumente ein tendenziell würzigeres Timbre und geringeres Klangvolumen hatten und der Kammerton unter 440 Hertz lag. Etwa so ist auch das Orchestre des Champs-Elysées beschaffen, das jetzt unter Philippe Herreweghe die Siebte eingespielt hat. Die Diskussion darüber, ob durch Berücksichtigung der historischen Praxis mehr "Authentizität" erreicht wird, muss man nicht erneuern. Die Frage ist einfach, ob wir hier mit Bruckner etwas anregend und schlüssig Neues erleben.

Im ersten Satz: Ja, Takt für Takt. Es ist wunderbar, schon im Thema der Celli und Bratschen das Material spüren zu können, aus dem die Musik geformt ist - weniger der Darmsaiten wegen als durch die Art, mit ihnen umzugehen. Bogenwechsel werden nicht kaschiert, sondern mit delikatem Nachdruck innerhalb der Linie genossen. Und immer wieder findet man das Sprechende, den Nachhall jener barocken Affekte, die dem Kirchenmusiker Bruckner vertraut waren. Einen romantischen Bach-Ersatz aber macht Herreweghe überhaupt nicht aus ihm, eher einen Romantiker im frühen Sinne des Wortes, wo noch das Geisterhafte gemeint war. Man hört hier filigrane Höhengespinste, die Ludwig Tieck geträumt haben könnte. Dass dabei den Geigen ihr allerhöchstes "b" misslingt, fällt vor allem deswegen auf, weil sonst astrein gespielt wird.

Man hört auch herrlich bratzendes tiefes Blech, dessen Stakkato-Achtel wie Granitklumpen aus den Boxen krachen. Die Klangkontur ist eine der großen Stärken dieser Aufnahme, zu bestaunen etwa in einer Passage der Klarinetten und Posaunen, deren Linien behutsam ineinander ranken, bis sie in einem verminderten Septakkord für einen Moment zum Gruppenbild erstarren. Bei solchem Ereignisreichtum spürt man auch das fast unheimliche geistige (nicht das notierte) Tempo, in dem sich der langsame zweite Satz entfaltet - aber erschlagen wird der Hörer nie. Herreweghe vermeidet jene demagogische Art von Größe, in der das Individuelle verschwindet. Obwohl die dem letzten Satz vielleicht nicht geschadet hätte; hier bleibt er zu diesseitig und nett.

Und das Scherzo bekommt keine Chance, seine zukunftsträchtigen Züge zu entfalten. Der Mahlersche Biss des Anfangs ist aufgeweicht; beim statischen Kreiseln der Flöte vier Takte lang in der Schwerelosigkeit will Herreweghe Action, wo keine ist. Aber das wiegt wenig neben den Farbenwundern dieser Aufnahme, ihrem Stimmungsreichtum, ihrer Sinnlichkeit. Und der umstrittene Beckenschlag im Adagio? Den lässt Herreweghe weg, nicht aber den ebenso fragwürdigen Paukeneinsatz. Unpuristischer, netter Kompromiss. Denn diese spätromantische Pauke bricht nicht in metaphysischen Donner aus, sondern gibt dem Glanz die raue Kante. Die Brucknersche Hutkrempe sozusagen, die in dieser Aufnahme endlich mal die leidige Aura überragt.

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 7

Orchestre des Champs-Elysées, Ltg: Philippe Herreweghe (harmonia mundi france 901857)