70. GeburtstagAllahs Melodien

Die Symbolfigur des südafrikanischen Jazz, der Pianist Abdullah Ibrahim, ehemals Dollar Brand, kehrt ins europäische Bewusstsein zurück mit einer Tour zum 70., Solokonzerten und einem Remix von Konrad Heidkamp

Ein Mann steht allein auf einem Berg. Vorsichtig setzt er Schritt vor Schritt und wirkt doch sicher, wie zu Hause, obwohl er noch nie hier war. Abdullah Ibrahim, Pianist und Komponist aus Kapstadt, steht 70 Jahre nach seiner Geburt zum ersten Mal auf dem Tafelberg über seiner Heimatstadt, er blickt auf dunstweiß verhangene Täler und Hügel, Flüsse in hellblauen Ebenen, die sich endlos ins Landesinnere Südafrikas ziehen, er schaut ins Paradies. The Mountain nannte er eine seiner Kompositionen, dem Thaba Bosiu in Lesotho gewidmet, es hätte der Fudschijama sein können, der Kilimandscharo, Saint Victoire, Mindif, jeder Berg, in dem sich die Sehnsucht spiegelt, etwas zu finden, was man verloren glaubte. Hunderte Male hat er dieses Stück gespielt, wie er alle seine Stücke so oft wiederholt hat, dass sie wie magische Zitate eines Lebens wirken. Es sind nicht nur Kompositionen, es sind Beschwörungen eines Landes, Rituale der der Heilung, des Zaubers, zelebriert, um mit Musik die Wirklichkeit zu verändern. Adullah Ibrahim lebt seit 1990 wieder im freien Kapstadt, nach jahrzehntelangem Exil in Europa und den USA. Die Musik ist wieder zum Berg gekommen, dem sie ihre Existenz verdankt, sie hat ihren Frieden gefunden.

Das Stille-Post-Spiel bringt den Jazz von Amerika nach Afrika zurück

Sie sitzen auf Stühlen im Hinterhof, die alten und jungen Männer und Frauen, wippen zu der Melodie von Mannenberg, Abdullah Ibrahims Komposition, die zur inoffiziellen Hymne der Befreiungsbewegung wurde. Sie fangen zu tanzen an, die Dicken und Alten am besten, sie wissen, welche Töne und Bewegungen dem Fleisch gut tun. Der Film A Struggle For Love von Ciro Capellari (Arte, 26. 10.) über Adullah Ibrahim alias Dollar Brand setzt seine Musik in Szenen, die alle Teile der afrikanischen Kunst erfassen, die er immer beschwört: Andacht, Medizin und Gemeinschaft. Als trance-mission bezeichnete er einmal seine Musik, in der die Klage, der Freudengesang und das Hymnische übergangslos ineinander fließen. Und es sind die Menschlichkeit des Klangs und die Freundlichkeit der Melodien, die Adullah Ibrahims Jazz so unwiderstehlich machen.

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Adolphe Johannes Brand - in Kapstadt am 9. Oktober 1934 geboren - liebte als Junge das Konglomerat "Jazz". Nach Kapstadt, dem New Orleans Afrikas, kam schon in den zwanziger Jahren jene Musik zurück, die einst aus Afrika aufgebrochen war. Die Penny-Whistle-Bands imitierten auf ihren Blechflöten die Bläsersätze der Big Bands, Swing, Rhythm 'n' Blues, Jump und Jive beherrschten ebenso die Clubs in Johannesburg und Kapstadt wie der Kwela, der Phata-Phata-Tanz oder der Shake, die Körper in Bewegung versetzten. Es war das Ergebnis jenes Stille-Post-Spiels, das die amerikanische Mischung aus Europas Marsch- und Tanzmusik und afrikanischen Trommelritualen weitergab und sie, in Schellackplatten gepresst, per Schiff wieder nach Afrika zurück schickte. Wie viel Weiß, wie viel Schwarz in dieser mehrfachen Brechung steckte, war nicht mehr auszumachen, Missverständnisse inklusive.

Die Geschichte erzählt, dass Adolphe Brand, ältestes von sechs Kindern, deren Vater man erschoss, als der Junge vier Jahre alt war, früh in der Kirche seiner Großmutter das Klavier lieben lernte, er mit sieben den ersten Mord sah, dass er mit siebzehn dem verhassten Stiefvater entfloh und auf der Straße im District Six in Kapstadt lebte, dass Brand mit jedem verfügbaren Dollar den Matrosen Jazzplatten abkaufte. Als Dollar Brand begleitete er Gesangsgruppen, ging nach Johannesburg, kehrte nach Kapstadt zurück, spielte zum Tanz und saugte jenen Bebop auf, der mit schrägen Akkorden den Weißen Knüppel zwischen die Beine warf. Als er 1959, unter anderem mit dem Trompeter Hugh Masekela, die Jazz Epistles gründete, bekam Südafrika seine berühmteste Jazzband, sein erstes nichtweißes Jazzalbum. Doch der Stolz überdauerte den sich verschärfenden Apartheid-Konflikt nur kurz. Nach dem Sharpeville-Massaker 1960 in Johannesburg, als die Polizei in die fliehende schwarze Menge schießt und 69 Menschen tötet, nach weiteren Unruhen in den Townships Kapstadts, beschließen Dollar Brand und seine Freundin und spätere Frau, die Sängerin Sathima Bea Benjamin, Südafrika zu verlassen. Ein Vierteljahrhundert Exil beginnt, anfangs immer wieder unterbrochen, doch Jahre voller Wut und Sehnsucht.

"Ich bin kein Musiker, ich werde gespielt"

Ruhig gleiten die Finger Adullah Ibrahims über die Tasten, die linke Hand lässt das Ostinato rollen, die rechte singt die eingängigen afrikanischen Melodien, es sind Gassenhauer des Herzens, in die man sich hineinschwingt, kaum hat man sie gehört. Das Potpourri könnte ewig währen, vom African Boogie zum Kinderlied, von der Karnevalsmusik zum Bolero in Moll, vom Blues für einen hippen König in Afrika zur Klangmalerei für Duke Ellington. Abdullah Ibrahim ist ein Zauberer der Wiederholung, und hinter jedem Ton steht eine ganze Landschaft. In den letzten zehn Jahren - er war einer der ersten, die nach dem Ende der Apartheid nach Südafrika zurückkehrten, während seine Frau in New Yorks Chelsea Hotel blieb - mag seine Musik manchem zu friedvoll klingen, und doch strahlt sie Weite und Ruhe aus, auch in fragwürdigen Streicher- und Orchester-Versionen wie African Suite oder African Symphony. Da mag wenig zu hören sein vom verqueren Thelonious-Monk-Einfluss wie auf dem wunderbaren Reflections (1965), dem Aufschrei im Duo mit dem argentinischen Saxofonisten Gato Barbieri auf Confluence (1968), den hypnotischen Soloexkursionen auf African Sketchbook (1969) oder der grandiosen Aufnahme mit Archie Shepp auf Duet (1978), einer der traumhaftesten Duoplatten der Jazzgeschichte. Eher gemahnen sie an verschleierte Kopien der Klangmalereien eines Duke Ellington, der 1962 Sathima Bea Benjamin und Dollar Brand in einem Jazzclub in Zürich entdeckte und in Paris ihren weltweiten Durchbruch initiierte. Und doch ist es auch heute jenes "Ich bin kein Musiker, ich werde gespielt" des 1968 zum Islam übergetretenen Dollar Brand, der sich fortan Abdullah Ibrahim nannte, das jenen Sog verursacht, der seine Musik so einmalig macht. "Wir haben im Islam den Begriff "das Gedächtnis Allahs". Er besagt, dass die Schöpfung Allahs sich im Leben ununterbrochen wiederholt. Repetition ist das Grundprinzip jeder Entwicklung." Und so ist ihm Improvisation nur ein Mittel, in diese Schöpfung einzutauchen und an ihr teilzuhaben.

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