Michael Korstick wirkt nicht gerade wie ein Bilderstürmer. Was er sagt, klingt ruhig, überlegt, uneitel. Aber natürlich ist er überzeugt davon, dass sein Beethoven "richtig" ist. Wer so spielt wie Korstick, muss das auch sein. Der 48-jährige bei Köln lebende Pianist spielt die Ecksätze der Hammerklaviersonate von Beethoven so schnell und das Adagio in der Mitte so langsam wie keiner vor ihm. Trotzdem zählt Emil Gilels für ihn zu den ganz großen Beethoven-Interpreten, und der wählte völlig andere Tempi. Also keine Ideologie bitte. Den richtigen Beethoven gibt es eben doch nicht. Überhaupt möchte Michael Korstick keine Grundsatzdebatte mehr über die Tempi bei Beethoven führen. Die hat sich für ihn erschöpft. Die originalen Metronomangaben des Komponisten, so schnell sie oft auch sein mögen, lassen sich nicht mehr als Unsinn abtun. Und wenn seine Einspielung der Sonate op. 106, der Großen Sonate für das Hammerklavier, zum jetzigen Zeitpunkt noch einmal Diskussionen auslöst, dann zeigt ihm das nur, dass sie einfach viel zu spät gekommen ist.

Das ist nicht seine Schuld. Sein interpretatorisches Konzept für die Sonate hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert, allenfalls hat er es noch ein wenig zugespitzt. Korstick kann das leicht mit Hilfe jener 30 Jahre alten Privataufnahme beweisen, die er an die New Yorker Juilliard School zu Sascha Gorodnitzki schickte, weil er bei ihm studieren wollte. Gorodnitzki erzählte damals etwas von der besten Hammerklaviersonate, die er je gehört habe, besorgte Korstick ein Stipendium und akzeptierte ihn als seinen Schüler.

Doch was macht Korstick überhaupt? Er realisiert - was man allerdings erst einmal können muss! - in den Ecksätzen die Metronomzahlen, die Beethoven selbst in seiner Sonate op. 106 (und nirgendwo sonst in seinen 32 Klaviersonaten) notiert hat. Die sind rasend schnell, aber für Korstick einfach nur schlüssig. Eine Interpretation, die sie ernst nimmt, erinnert vor allem im haarigen Kopfsatz mit bestürzender Dringlichkeit daran, wie wenig sich Beethoven in seinen letzten Schaffensjahren um das Machbare geschert hat. Nicht weil bei Korstick die Grenzen des manuellen Vermögens hörbar, Linien oder Strukturen eingetrübt würden. Wer will, kann anhand der Aufnahme die Noten mitschreiben - größere Textgenauigkeit ist kaum möglich.

Entscheidend ist die Konsequenz, mit der der scheinbar so überlegte Korstick dieses Allegro in den emotionalen Ausnahmezustand treibt. Man spürt, wie der späte Beethoven die Grenzen des Spielbaren hinter sich lässt und nur noch der kompositorischen Idee folgt - die Musik greift ins Utopische aus. Und die Ecksätze scheinen sich in Korsticks Interpretation bei aller Genauigkeit fast zu überschlagen.

Den Gegenpol dazu bildet das Adagio sostenuto: Korstick nimmt es extrem langsam - und rückt hier ganz unideologisch von der Beethovenschen Metronomangabe, die ein zügigeres Tempo vorschreibt, wieder ab. Wie unter einem Vergrößerungsglas betrachtet er den langsamen Satz und schafft es doch, ihn über 29 Minuten hinweg - also doppelt so lange wie die meisten Kollegen ihn spielen - unter Hochspannung zu halten. Eine überzeitliche Weltentrücktheit wächst der Musik dabei zu. Man glaubt dem Beiheft gern, dass Korstick den Satz ohne einen einzigen Schnitt aufgenommen hat und nicht einmal eine Korrekturfassung abliefern mochte. Wozu auch? Man kann das anders spielen, aber nicht schöner, stimmiger, überzeugender in der Konzentration auf einen extrem ruhigen Grundpuls.

Wie ist es möglich, dass ein so spektakulärer Beethoven-Interpret wie Korstick im Musikbetrieb bis heute nahezu unbekannt geblieben ist? In den Konzertsälen der Metropolen trifft man ihn nicht, seine Aufnahmen erscheinen nur bei einem kleinen Label, von den großen Sinfonieorchestern wird er nicht engagiert, obwohl er hundert Klavierkonzerte im Repertoire hat. Vielleicht hat Michael Korstick einfach zu viel im stillen Kämmerlein an seinen Interpretationen gefeilt und darüber vergessen, Karriere zu machen. Er ist ein Beispiel dafür, wie wenig Erfolg und Können in der klassischen Musik mitunter übereinstimmen.

Auch Schubert spielt er wunderbar. Den langsamen Kopfsatz der großen B-Dur-Sonate D 960 nimmt er ähnlich gemessen wie das Adagio sostenuto der Hammerklaviersonate. Doch auch hier tut er es nicht, um einfach nur anders zu spielen. Er kann es sich leisten, ein mehr als ruhiges Tempo zu wählen, weil er dabei nicht eine Sekunde langweilt. Was sich bei Beethoven als überindividueller Weltentwurf entwickelt, wird in Schuberts nur mehr unmerklich fließendem, stockendem Erzählstrom zu einer subjektiven und doch nie sentimentalen Seelenwanderung. Die Traurigkeit dieser Musik schwingt noch viel später nach: in den jähen Stimmungswechseln des Finales, den nur vermeintlich aufgehellten Achtelbewegungen, die Korstick trotz äußerst zügigem Tempo traumverloren in sich selbst kreisen und unvermittelt ins Leere laufen lässt. So klingt dieses oft seltsam oberflächlich wirkende Rondo, über das Robert Schumann meinte, es riesele "von Seite zu Seite weiter", wie ein wenig trostreicher Epilog zu einer Winterreise ohne Text.