Stelios Arcadiou hat sich ein drittes Ohr wachsen lassen. Es ist eine auf ein Viertel verkleinerte Kopie seines linken Ohrs, gewachsen aus menschlichen Zellen im Bioreaktor. Dieses Ohr, gezüchtet aus seinen eigenen Zellen, möchte er sich nun auf seinen Unterarm operieren lassen. In einer Videoanimation zeigt er, wie das aussehen würde. Zu seinem Bedauern hat er noch niemanden gefunden, der diese Operation an ihm vornehmen will.

Arcadiou nennt sich Stelarc. Sein Kunstprojekt ist die technische Erweiterung und Umgestaltung seines Körpers. "The body is obsolete!", postuliert er auf seiner Homepage. Bei einem Auftritt im August im kanadischen Toronto muss er dem Publikum sein Anliegen nicht erklären. Es ist die Abendveranstaltung der Transvision 2004. Im McLeod-Auditorium der Universität von Toronto sitzen Menschen, die sich selbst für "morphologische Freiheit" einsetzen. Sie nennen sich Transhumanisten, und eine ihrer zentralen Forderungen ist die Freiheit, den eigenen Körper mit allen verfügbaren Mitteln so zu gestalten, wie es ihnen passt. Wenn es möglich werde, sich gentechnisch mit grüner Haut oder drei Armen auszustatten, dann sei das niemandem zu verwehren.

"Lebe schnell, und stirb nie!" könnte der Slogan dieser Bewegung sein. Ganz oben auf der Wunschliste steht ein Mittel gegen das Altern. Wird die Lebenserwartung radikal verlängert, dann hat man genug Zeit, um von all den neuen Techniken zu profitieren. Die gewonnene Lebenszeit soll keine langweilige Fortsetzung der bisherigen Existenz sein. Alle paar Jahre könnte man je nach Mode die Hautfarbe und auch das Geschlecht ändern oder gar neue Geschlechter erfinden. Vielleicht ist dazu nicht einmal ein materieller Umbau der Körper nötig, sondern nur ein Hirnimplantat, das die transhumanen Subjekte direkt an eine kollektiv gestaltete Cyberwelt anschließt.

Andere, wie der Computerneurologe Anders Sandberg, Gründer der schwedischen Sektion der World Transhumanist Association (WTA), träumen ohnehin mehr von Techniken, um das Gehirn aufzurüsten. Sandberg beschreibt den Ausgangspunkt des Transhumanismus so: "Wir sind klug genug, um zu merken, dass wir dumm sind. Aber wir sind so dumm, dass es uns schwer fällt, klüger zu werden." Als Lieblingserweiterung seines Körpers nennt er "Google im Hirn". Das wäre freilich nur ein erster Schritt. Denn die Entwicklung, da sind Transhumanisten überzeugt, wird den Menschen technisch, pharmakologisch und durch gezielte Gentechnik so verändern, dass der Begriff Mensch nicht mehr angemessen sein wird. Dann entsteht eine neue Spezies: die Posthumanen.

Was ist gegen den Einsatz von Doping denn schon einzuwenden?

Die Transhumanisten sind längst mehr als eine kleine Gruppe technophiler Utopisten, als die sie vor 20 Jahren begannen. Zwar nennt sich immer noch eine kleine Minderheit so, aber diese findet sich als radikaler Pol in einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung wieder, die mit dem technischen Fortschritt, etwa in der Gentechnik, an Brisanz gewinnt. Mit dem Klonen menschlicher Embryonen in Korea Anfang des Jahres und der Erlaubnis für britische Forscher, Stammzellen aus geklonten Embryonen zu gewinnen, rücken Teile ihrer Utopien näher.

Gleichzeitig gehen transhumanistische Argumente in die Gesellschaft ein. Im vergangenen Jahr veröffentlichte etwa die National Science Foundation den Report Converging Technologies for Improving Human Performance, zu Deutsch: "Technisches Zusammenspiel zur Steigerung menschlicher Leistung". Über weite Strecken liest sich der Text wie ein transhumanistisches Forschungsprogramm. Ein anderes Beispiel lieferte der Economist in einem Leitartikel zu den Olympischen Spielen. Er spießt die "zunehmend intolerante Haltung gegenüber Doping" auf. Dies sei unzeitgemäß in einer Gesellschaft, die immer mehr leistungssteigernde Drogen nutze. Gegen verantwortungsbewussten Umgang mit Doping sei nichts einzuwenden, zumal "Gen-Doping", also gentechnische Verbesserung von Sportlern, höhere Leistungen ohne Nebenwirkungen verspreche.

Solches erfreut die 1998 gegründete WTA, die ihrerseits dem Sektenimage zu entkommen sucht. So glich die Transvision 2004 über weite Strecken einer akademischen Veranstaltung. Fast ebenso viel Raum wie die Verheißungen künftiger Technik nahm die Diskussion möglicher Gefahren ein. Auch wenn die Fragen, die sich eingefleischte Transhumanisten stellen, für Normalbürger etwas aus der Luft gegriffen scheinen: etwa welche Probleme auf eine Demokratie zukommen, in der mit menschlichen Genen aufgerüstete Schimpansen und intelligente Roboter Bürgerrechte fordern.