Transhumanismus Die TiefkühlreligionSeite 3/3

Warum sollten solche persönlichkeitsändernden Behandlungen nur in Extremfällen eingesetzt werden?, fragt Hughes, zumal künftige Medikamente immer zielgenauer und nebenwirkungsärmer würden. Spirituelle Erlebnisse hätten demnach ihren Platz unter vielen mit der richtigen Technik perfektionierbaren Bedürfnisbefriedigungen. Offenbar kann das Gehirn eine verstärkte Empfänglichkeit für religiöse Erfahrungen entwickeln, warum sollte man dem nicht pharmazeutisch-technisch nachhelfen?

Die meisten Theologen werden sich mit solch pragmatischer Haltung kaum anfreunden. Aber auch hier knüpfen die Transhumanisten an die Forschungen an. So genannte Neurotheologen suchen seit einigen Jahren nach dem Sitz des religiösen Empfindens im Hirn und haben schon herausgefunden, dass bei spirituellen Erfahrungen der linke Schläfenlappen besonders aktiv ist. Dieser Hirnbereich wurde daraufhin »Gottesmodul« getauft.

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In 25 Jahren gehört die Krankheit Altern der Vergangenheit an

Wirkliche Begeisterung weckten die Reden von Risiken, spirituellen Erfahrungen und Tugenden bei den meisten der gut 100 nach Toronto gereisten Transhumanisten jedoch nicht. »Sicher geht es darum, die Bewegung zu verbreitern«, meint der aus Bonn angereiste Mathematikstudent Torsten Nahm. »Aber im Grunde sind wir mehr die Geeks, die sich für die Technik begeistern.« Ihn fasziniert etwa die Vorstellung, dereinst zu anderen Planetensystemen zu fliegen. Die radikale Lebensverlängerung soll es möglich machen. Ganz nach Nahms Geschmack war da der Vortrag des Biogerontologen Aubrey de Grey von der Universität Cambridge. Er ging die neuesten Ergebnisse der Altersforschung durch. Und siehe da, es eröffnen sich neue Perspektiven. De Grey – sein langes ergrauendes Haar zum Pferdeschwanz gebunden, sein Bart reicht bis zum Bauchnabel – ist um wissenschaftliche Diktion bemüht. Doch bei aller Vorsicht wagt er eine Prognose: »Die Chancen stehen 50 zu 50, dass wir in 25 Jahren das Altern heilen können.« Ein Aufatmen geht durch die Reihen.

Am nächsten Morgen spricht Max More. Vorgestellt wird der sportliche 40-Jährige als Chefphilosoph des Transhumanismus. Auch ihn beschäftigt das Akzeptanzproblem der Bewegung. Gegen die technische Verbesserung des Menschen sprächen keine rationalen Argumente. Doch die Menschen hielten an ihrer verbesserungsbedürftigen Biologie fest. Warum? Sie fühlen sich in ihrer Identität angegriffen. »Es ist, als würden sie trotzig sagen: Ich bin weiß und bleibe weiß! Ich bin hetero und bleibe hetero! Ich bin Mensch und bleibe Mensch!« Er beruft sich auf psychologische Literatur und nennt dieses Phänomen »die Zähigkeit identitätsbasierter Urteile«. Aber warum sich mit den Widerständen befassen? Die technischen Möglichkeiten werden ohnehin kommen. Warum also verstockten Menschen die ungeheuren Möglichkeiten einer posthumanen Zukunft nahe bringen? Es ist die Angst, Technikfeinde könnten die Entwicklung gefährlich verzögern. Und so schließt Max More seinen Vortrag: »Wenn wir den Prozess nicht beschleunigen, dann sind wir alle tot!«

Doch im Publikum weiß man auch für diesen Fall Rat. »Wie viele haben schon einen Kryonik-Vertrag?«, fragt einer. 15 Hände gehen hoch, die Armkettchen rutschen auf den Unterarm, darauf eingraviert die Telefonnummer des Kryonik-Unternehmens, das bei unerwartetem Ableben sofort zu informieren ist. »Und wie viele denken ernsthaft darüber nach, sich tiefkühlen zu lassen?« Die restlichen 70 melden sich. »Was zögert ihr? Wendet euch an diesen Mann!« Rudi Hoffmann steht auf und winkt mit Vertragsformularen. So bestätigte sich, was der Philosoph Patrick Hopkins zu Beginn der Veranstaltung feststellte: Die meisten Transhumanisten verstehen sich zwar als Atheisten. Ihre Weltanschauung hat aber viele Gemeinsamkeiten mit dem Glauben. Nicht zuletzt das Versprechen auf ein Leben nach dem Tod.

 
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