Zeitgeschichte Im Auge des Hurrikans
Ulrich Enzensberger erzählt die Geschichte der Kommune I aus erster Hand
Obwohl Hans Magnus Enzensberger seinerzeit ebenfalls zu den Rebellen gehört hat, gibt es von dem ansonsten so unermüdlichen Autor keinerlei Nachbetrachtung zu jenen Ereignissen, die sich am Ende der sechziger Jahre abgespielt haben. Von ihm existieren lediglich einige wenige versteckte, eher sarkastisch anmutende Notizen zu einem »Tagebuch aus dem Jahre 1968«: »Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen«, listete er unter dem Titel bereits vor zwei Jahrzehnten auf, »hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des ›Archivmaterials‹, der Podiumsdiskussionen, der veteranenhaften Stilisierung einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar geworden ist. Mein Gedächtnis, dieser chaotische, delirierende Regisseur, liefert einen absurden Film ab, dessen Sequenzen nicht zueinander passen.«
Ganz so hört sich nun auch der Anfang eines Erinnerungsbandes an, der zunächst ebenfalls wie ein einziges Verwirrspiel wirkt: Schnipsel, Bruchstücke, Fetzen – alles scheint nur noch ideologisches Rohmaterial zu sein: »Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote Armee Fraktion gekrochen ist. Wir sind die Erfinder der Spaßgesellschaft … Wir hatten alle einen Kopfschuß. Gruppensex. Antisemiten. Unser Vorbild war Mao. Alles nicht wahr. Da waren gar keine Frauen dabei. Die hatten Orgasmusprobleme. Terroristen. Das Problem war der Abwasch. Wir wollten schockieren. Spaßguerilja. Kein Buch angefaßt. Wir sind dem Osten auf den Leim gegangen. Kinderjahre der Republik. Psychoterror … Wir waren die ersten deutschen Pop-Ikonen. Wir waren Ulbrichts Lakaien. Es war ein einziger Horrortrip. Clowns. Völlig unbedeutend. Wir haben als erste gefixt. Wir haben mit den Medien gespielt. Eine Zeitungsente. Wir haben Deutschland modernisiert.« Und so weiter und so fort.
Die Schlüssellochperspektive wird vermieden
Auf anderthalb Seiten lässt Enzensbergers jüngster Bruder Ulrich erst einmal all das Revue passieren, was von einer Gruppierung an Bildern im Umlauf ist, die vielen als ein einziges großes Spektakel erschienen ist. Alles wird überzeichnet und in den Übertreibungen so miteinander montiert, dass es sich gegenseitig nivelliert. Es ist beinahe so, als wolle der Autor die in der Öffentlichkeit immer noch grassierenden Halbwahrheiten, Unterstellungen und Verteufelungen so weit ad absurdum führen, dass dadurch das Spiel wieder auf null gestellt werden kann. Und als wollte er dem Leser sagen: Aufgepasst, was nun folgt, das ist die authentische Geschichte der Kommune I, von einem erzählt, der von Anfang an mit dabei gewesen ist.
Der Schriftsteller Ulrich Enzensberger (Jahrgang 1944) hat im Gegensatz zu einigen seiner Mitkommunarden nicht im Rampenlicht gestanden. Er ist nicht nur der jüngste Bruder des um 15 Jahre älteren Hans Magnus, sondern mit seinen damals 22 Jahren auch der jüngste der Kommunarden gewesen. Vielleicht ist es gerade diese Rolle des Benjamins, die ihn für die des nachträglichen Erzählers und Berichterstatters prädestiniert.
Er beginnt im Stile einer Autobiografie, wechselt aber häufiger die Perspektive – mal zur Gruppenbiografie, mal zum historischen Bericht, mal zum Zeitengemälde. Falls es für ihn überhaupt eine Versuchung gewesen sein sollte, die damaligen Szenerien aus einer Schlüssellochperspektive zu erzählen, so ist er ihr zumindest nicht erlegen. Persönliches wird zwar nicht ausgespart, jedoch bei allem eine gewisse, durch einen Grundton der Sympathie weichgezeichnete Distanz gewahrt. Mit nicht unerheblichem Aufwand werden die einzelnen Episoden historisch kontextualisiert. Besonderen Wert legt Enzensberger darauf, mit Verweis auf den Viermächtestatus auch die spezifischen, für die Entstehung der einstigen Revolte zunächst ausschlaggebenden Bedingungen in Berlin herauszuarbeiten.
Fritz Teufel ist der Clown, dem die Sympathien gehören
Die Hauptakteure sind mit Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans die üblichen Verdächtigen. Von den weiblichen Mitgliedern ist mit Ausnahme Uschi Obermaiers keine in der öffentlichen Wahrnehmung besonders hervorgetreten. Obwohl Kunzelmann gewiss das »Alphamännchen« war, von dem mehrfach die Rede ist, so ist der Kommunarde, der im Zentrum des von Enzensberger nachgezeichneten Geschehens steht, zweifelsohne der scheue, vertrackte und mit einem hintergründigen Witz ausgestattete Teufel. Die meisten der Aktionen, die sich im Laufe der zweieinhalb Apo-Jahre abspielen, drehen sich um ihn. Er ist der Clown, dem die Sympathien gehörten, und anfangs auch das Opfer einer außer Rand und Band geratenen Berliner Polizei, dem umgekehrt auch die meisten Solidarisierungskampagnen galten.
Für Kunzelmann und Co. gab es offenbar zwei Vorbilder – die Pariser Kommune von 1871 und die Volkskommunen aus dem China Mao Tse-tungs. Die Idee, die Bezeichnung Kommune für das eigene Experiment zu übernehmen, soll von Rudi Dutschke stammen. Dieser hatte das Projekt stark befördert, war jedoch – wohl nicht zuletzt auf Drängen seiner Ehefrau – noch in letzter Sekunde abgesprungen.
Im Grunde ist die Kommune-Idee das Produkt eines Mitte der sechziger Jahre mehr und mehr in politisches Fahrwasser geratenen avantgardistischen Ansatzes, der, von den Surrealisten herrührend, zu den Situationisten geführt hat: das alltägliche Leben grundlegend ändern, es kollektiv und angstfrei gestalten. Was dabei herausgekommen ist, war eine an Experimentier- und Selbstinszenierungsfreude kaum zu überbietende Kleingruppe, die einerseits nicht frei von sektenartigen Zügen blieb, sich andererseits aber in den Turbulenzen der Endsechziger wie keine andere im Auge des Hurrikans bewegte.
In ihrem Mikrokosmos wurde alles durcheinander gewirbelt: Privates und Politisches, Intimes und Öffentliches. Zu ihrem Prinzip gehörte es, Regeln zu verletzen, Gesetze zu missachten und Grenzen zu überschreiten. Die Praxis, Türen auszuhängen und Wände einzureißen, versinnbildlichte nur zu genau, worin ihr Angriff auf das als spießig angesehene Dasein der bürgerlichen Gesellschaft bestand.
Die von Enzensberger erzählten Jahre der Kommune I lesen sich wie Szenen eines Films, den die meisten zwar zu kennen glauben, der nun aber noch einmal aufgeführt wird und sich dabei nicht nur als ein in mancher Hinsicht unbekannt gebliebenes Stück entpuppt, sondern zum ersten Mal im Zusammenhang begreifen lässt. Aus einer Ansammlung von Episoden ist eine Geschichte geworden, die Geschichte jener wohl aufsehenerregendsten Kleingruppe, die es in der bundesdeutschen Geschichte bislang gegeben haben dürfte.
Ohne ein programmatisches Bekenntnis kommt allerdings auch Enzensberger nicht aus. »Wir wollten mit der Revolution«, heißt es an einer Stelle, »bei uns selbst beginnen. … Wir wollten die große, die phantastische Ekstase, wir wollten uns nicht opfern für etwas Abstraktes, für ein Phantom, für die Literatur oder die Weltrevolution. Mehr Ehrlichkeit! Wir wollten nichts verstecken! Unsere Eltern hatten soviel versteckt.«
Doch auch Enzensberger scheint einiges, wenn nicht versteckt, so doch heruntergespielt zu haben. Der Überfall, den er im April 1970 in München zusammen mit Teufel und anderen auf die ehemaligen Mitkommunarden Langhans und Obermaier unternahm, um unter Drohungen mit einer Schreckschusspistole Bargeld zu erpressen, ist jedenfalls nur noch in einer Schwundform wiederzuerkennen und von Nichtinformierten wohl kaum zu verstehen.
Je länger die turbulente Geschichte dauert, desto mehr trübt sie sich auch in Enzensbergers Darstellung ein. Mehr und mehr drängen Drogen, Waffen und Bomben in den Vordergrund. Den einstigen Kommune-Gründer Kunzelmann führt die Reise an die Seite Arafats und der Palästinenser. Und in einem ominösen »Brief aus Amman« greift er die Linke wegen ihres angeblichen »Judenknaxes« an, der sie daran hindere, kompromisslos die al-Fatah zu unterstützen. Es scheint, als sei der einstige Wortführer der Kommune I von jenen Gespenstern eingeholt worden, die sie einst zu beschwören versucht haben.
Die Jahre der Kommune IZeitgeschichtePolitisches BuchBerlin 1967-1969Ulrich EnzensbergerBuchKiepenheuer & Witsch2004Köln19,90256- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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