Du sprichst von Zeiten", klagt Schillers Carlos im Gespräch mit dem Marquis Posa, "die vergangen sind." Auch Joachim Fest tut dies. In seinem neuen Buch erzählt er von seinesgleichen, den Intellektuellen, die ihm in seinem so erfolgreichen Leben als Journalist und Buchautor begegnet sind. Bedeutende sind darunter, und doch, nicht ohne Melancholie registriert der Leser, wie endlich der Nachruhm von Essayisten, Sachbuchautoren oder Journalisten in der Regel ist. Welcher junge Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer weiß heute eigentlich noch, wer Johannes Gross oder Dolf Sternberger war? Sind nicht selbst Hannah Arendt und Golo Mann schon Gestalten aus einer längst vergangenen Zeit? Und auch wenn Sebastian Haffner mit seinen politisch so erhellenden Jugenderinnerungen über das Berlin der dreißiger Jahre noch vor wenigen Jahren auf den Bestsellerlisten stand, wer erinnert sich noch an seine stern- Kolumnen, die ihn einst in Deutschland bekannt machten? Und Rudolf Augstein, von dessen Lebenswerk, dem inzwischen zahnlos gewordenen Spiegel, mancher behauptet, der Herausgeber und sein Magazin hätten einst die Bundesrepublik verändert: Ist er im politischen Denken der Deutschen noch präsent?

Es ist es erst wenige Jahre her, dass die Bücher, Essays und Artikel dieser schreibenden, streitenden und auch einflussreichen Intellektuellen den geistig-politischen Diskurs in der Bundesrepublik mitbestimmten. Ihre Thesen und Polemiken, ihre tagesaktuellen Einwürfe und grundsätzlichen Arbeiten über Demokratie und Geschichte fanden in den Leitartikeln und in den Spalten der Feuilletons ein vielfaches Echo. Nicht selten wurden sie von Parlamentsrednern zitiert, und mancher Kanzler bat diesen oder jenen in kleine, beratende Runden.

Eine Abrechnung mit der Generation der 68er

Joachim Fest erzählt in seinem Buch von Menschen, die fast alle noch das "Dritte Reich" als Jugendliche oder junge Männer und Frauen erlebt haben. Die einen im Exil – Sebastian Haffner, Golo Mann und Hannah Arendt –, andere, wie etwa Dolf Sternberger oder Rudolf Augstein, in der Diktatur. Für sie alle blieb der Nationalsozialismus das politische Urerlebnis. Aus dem Schrecken und dem Erleben des "Dritten Reiches" entwickelten sie ihr demokratisches Selbstverständnis. Mit Blick auf die Mehrzahl seiner in kritischer Freundschaft porträtierten Helden schreibt Fest im Vorwort: "Alle hatten die Hitlerjahre erlebt, einige sie sogar erlitten und anschließend die Belehrungen, die sie enthielten, angenommen."

Für den Erzähler und die von ihm Porträtierten gewinnt dieses Aufwachsen in der Nazizeit oder die Vertreibung aus Deutschland zu Recht eine überragende Bedeutung. Wer wollte übersehen, wie traumatisch die Verbrechen des "Dritten Reiches" und der tiefe Fall eines Kulturvolkes in den Barbarismus auf Menschen wie den unter dem Nationalsozialismus tätigen Journalisten Sternberger oder den jungen Leutnant Augstein früher oder später wirken mussten? Ganz zu schweigen von dem in London überlebenden Sebastian Haffner oder der geflüchteten Jüdin Hannah Arendt. Solche Lebenswege aber machen weder frei von Irrtümern, noch können sie als Argument gegen eine nachwachsende Generation verwendet werden, die ihr eigenes Denken und Handeln erproben muss. Genau dieser Ansatz aber findet sich in auffälliger Häufung in den Gesprächen, von denen Fest berichtet. "Einigkeit ergab sich durchweg … in der Verneinung alles Ideologiewesens und zumal der utopischen Wut der siebziger und beginnenden achtziger Jahre. Womöglich liegt dort auch die auffälligste Bruchstelle, die den Abstand jedes Einzelnen der in diesem Buch versammelten zur nachfolgenden Generation markiert."

So gerät dieses Buch nicht zuletzt auch zu einer Abrechnung mit einer jüngeren Generation, die zunächst noch in gewohnten schulischen und universitären Bahnen und dann ziemlich stürmisch und mit umstürzlerischer Gebärde begann, Geschichte und Politik, demokratische Ansprüche und die Sozialbindung des Grundgesetzes neu zu hinterfragen. Die von Fest und seinen Gesprächspartnern einverständlich bekundete Ablehnung dieser Entwicklungen ist nicht neu, und sie lässt außer Acht, welch tiefgreifende und auch befreiende Veränderungen die deutsche Gesellschaft in den siebziger und achtziger Jahren erfahren hat.

Mancher, dem wir in Fests Buch begegnen, leistete zu diesem Neuanfang im Übrigen einen erheblichen Beitrag. Augstein und die Spiegel- Affäre lösten die erste große Protestwelle gegen den Adenauer-Staat aus. Haffners frühe Kolumnen waren ein unüberhörbarer Widerspruch zum politischen Zeitgeist, Golo Mann trat energisch und öffentlich für Willy Brandts Ostpolitik ein. Aber die vordergründigen Albernheiten der AStA- und Vollversammlungseliten irritierten sie nicht weniger als der marxistische Jargon, der kurzfristig in Mode kam. Die tatsächliche gesellschaftliche Dimension dieser Entwicklungen nahmen sie vor lauter Empörung nicht wahr. Im Alter – da unterscheiden sich Intellektuelle nicht von den unwissenden Sterblichen – wurden sie konservativ. Augstein nicht weniger als Haffner oder Golo Mann. Das ist wahrlich keine Schande. Aber auch keine Auszeichnung. Nicht ohne Schmunzeln registriert der Leser im Übrigen, mit welcher Selbstgewissheit die meisten der in diesem Buch Versammelten von sich behaupten, im Gegensatz zu den Vertretern der "Linken" würden sie die Dinge ideologiefrei betrachten und beurteilen.