Die Attentäter von New York konnten am 11. September 2001 sicher sein, dass der amerikanische Fernsehsender CNN nur wenige Minuten benötigen würde, um mit seinen Kameras am Ort des Terrors zu sein. Zwischen den Anschlägen auf die beiden Zwillingstürme des World Trade Center lagen 18 Minuten. Das "Live-Prinzip" wurde zur terroristischen Waffe. Krieg (und auch Frieden) in der Medienöffentlichkeit – dieses Thema wurde schlagartig wieder bewusst; es war ein lange beklagtes Desiderat der transdisziplinären Forschung.

Nun ist eine Pionierstudie erschienen: Gerhard Paul, Professor für Geschichte an der Universität Flensburg, analysiert in einer Tour d’Horizon – beginnend mit dem Krim-Krieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die modernen Kriege im 20. Jahrhundert (Erster Weltkrieg, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Vietnam-Krieg) bis zu den "neuen Kriegen" der Gegenwart (Golf-Krieg, Kosovo-Krieg, Afghanistan-Krieg) – die Visualisierung des Krieges.

Glücklicherweise ist dabei nicht nur ein weiteres "Textbuch" entstanden. Die einstige Hegemonie der Druckschrift in der Aneignung von Wirklichkeit ist vorüber. Seitdem am Ende des 19.Jahrhunderts eine visuelle Revolution einsetzte und damit Welterfahrung außerhalb des eigenen Lebenshorizontes möglich wurde, hat sich die Wahrnehmung des modernen Menschen grundlegend verändert. Für das kulturelle und kommunikative Gedächtnis sind die neuen Medien bis hin zum Internet von herausragender Bedeutung. Paul integriert deshalb neun "Visual Essays" mit über 200 Abbildungen in seine Ausführungen und weist im Anhang sämtliche Bilddokumentationen, Filme (fiktionale und nonfiktionale) sowie digitale Bildquellen nach. Das Werk ist eine Fundgrube ersten Ranges.

Es ist vor allem aber wissenschaftlich – in bester aufklärerischer Tradition – ein großer Wurf. Gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft ist ein pictorial turn überfällig; in den angelsächsischen Ländern ist man da viel weiter, weshalb Paul auf eine recht breite Literatur zu den Einzelthemen zurückgreifen kann. Doch erstmals führt ein deutscher Historiker alles zu einer großen Synthese zusammen.

Die tragende These des Buches lautet, dass die modernen Bildmedien versuchen, "das katastrophisch antizivilisatorische Ereignis des Krieges zu einem zivilisatorischen Akt umzuformen, ihm eine Ordnungsstruktur zu verpassen, die dieser per se nicht besitzt".

Mit jedem Krieg assoziieren wir bestimmte eigene Bilder. Bilder waren und sind jedoch niemals nur Abbildungen von Realität, sie haben immer auch den historischen Prozess beeinflusst, indem sie bewusstseins- und meinungsbildend wirken. Vier Erkenntnissträngen folgt Paul: einem propagandageschichtlichen Strang, einem erinnerungspolitischen, einem friedenspädagogischen und einem militärgeschichtlichen. Welche typischen Plots und Narrative, so fragt er, lassen sich aus den medialen Darstellungen der verschiedenen Kriege herausfiltern? Paul interessieren nicht die privaten Ansichten des Krieges, sondern die publizierten, die politisch favorisierten Bilder, auch die Kommerzialisierung und die Zensur.

Allerdings ist es bedauerlich, dass eben nicht alle Bilder in die Untersuchung einbezogen wurden. Die bildende Kunst fehlt durchgängig, dabei wissen wir, wie wichtig etwa die Apokalypse-Bilder eines Otto Dix für die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges waren; Picassos Guernica- Bild ist bis heute die Antikriegs-Ikone der modernen Malerei; auch die späteren Bilder und Collagen der amerikanischen Pop-Art wären von Interesse gewesen, vor allem aber die Verarbeitung und Darstellung von Krieg in Comics.

Der Krieg in Vietnam war der erste Fernsehkrieg der Geschichte