Cap Anamur, das war, wie früher Greenpeace, ein Markenzeichen, Synonym für das Gute schlechthin, und Rupert Neudeck war sein Prophet. Dann kam der neue Vorsitzende der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, und mit ihm das Desaster des Flüchtlingsspektakels zu hoher See, einer Irrfahrt durch das Mittelmeer und die Abendnachrichten. Nun ist die Marke beschädigt. Das Unternehmen tut, was Analysten in solcher Lage empfehlen - symbolischer Neubeginn, kenntlich gemacht durch Auswechslung des Spitzenpersonals, Konzentration auf alte Stärken, was im Fall Cap Anamur bedeutet: Einsatzfreude als Ersatz für Professionalität. Dazu passt die ehrenamtliche neue Vorsitzende Edith Fischnaller wohl besser als der Medienprofi Bierdel.

Neudeck und Bierdel - dass man diese beiden überhaupt kennt (Wie heißt der Chef von Misereor? Wer leitet Brot für die Welt?), verweist auf eine Marketingstrategie, die Hilfe und Medienspektakel enger verbindet, als andere Hilfsorganisationen es tun - oft zum Besten aller, gelegentlich vor allem zum eigenen Wohl. Das Cap-Anamur-Prinzip heißt: Gutes tun, viel darüber reden, Zustimmung, Unterstützung und Spenden ernten, um damit neuerlich Gutes zu tun.

In der Flüchtlingsaffäre hat sich dieses Prinzip zum ersten Mal gegen Cap Anamur gewandt. Die öffentliche Aufmerksamkeit war da, doch richtete sie sich, durchaus kritisch, auf die Arbeit der Helfer. Nun dürfte es ruhiger werden. Die Frage ist, ob Cap Anamur sich das leisten kann.