Kulturgeschichte Das reisende Denken

Elmar Holenstein hat den globalen Geist auf Landkarten verortet

Wenn der Schweizer Elmar Holenstein, in diesen Breiten einer der Großen auf dem weiten Feld der interkulturellen Philosophie, zur Feder oder wie jetzt auch zu den Landkarten greift, sitzt ihm immer auch der Schalk im Nacken. Im Zeitalter von Samuel Huntingtons Wort über den Krieg der Kulturen beherrscht die mit neodarwinistischen und wirtschaftsliberalen Raumbildern unterlegte Behauptung von der Differenz der Kulturen nicht allein Alltag und Wissenschaft, sondern ebenso die Geopolitik. Da tut es gut, wenn einer genauer hinsieht. Die Gemeinde der Wissenschaft erinnert sich mit Freuden an Holensteins Auftritte auf den internationalen Philosophenkongressen, wo er etwa aus einem ungenannten Klassiker las, der die Eigenarten asiatischen Denkens und Betragens (sauber, fleißig, asketisch, kommunitaristisch) auf den Punkt brachte.

Wer war’s? Die gelehrten Häupter grübelten. Glasklar Konfuzius, sagten die einen, Taoismus, schrien die andern, und die dritten waren sich zu 100 Prozent sicher, dass das Fragment aus dem Dunstkreis des Shintoismus käme. Mitnichten. Bei dem vermeintlich ostasiatischen Quellentext handelte sich um eine Beschreibung, die Peter Bichsel über den Nationalcharakter der Schweizer zu Papier gebracht hatte. Wer wo wie denkt und spricht und sich was aus dem spätestens seit der so genannten Achsenzeit (um 500 vor Christus) zubereiteten Menü des Denkmöglichen das Passende heraussucht, ist in erster Linie eine Frage des kulturellen und geografischen Kontextes, der Räume, Regionen, Orte und Wege der Vermittlung, denen man verbunden ist. Was heute als neue Globalisierung gefeiert wird, fußt gerade auf der nördlichen Halbkugel, in dem großen fruchtbaren Halbmond zwischen Irland und Japan, Russland und Ceylon, auf jahrtausendealten Netzwerken, deren Knotenpunkte sich in ihren schöpferischen Effekten gegenseitig verstärkten.

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Der Beginn der westlichen Philosophie in Anatolien? Das südsaharische Timbuktu als Zentrum islamischer Gelehrsamkeit? Beirut als Residenz spätantiker Rechtsphilosophie? Beim Denken gehe es wie beim Wetter, sagt Holenstein. Es sei ständig unterwegs, halte sich an keine Grenzen. Es kreise in Schlaufen und Spiralen, sagt Holenstein, und Atlanten mit Schlaufen gefallen ihm offenkundig. Wie Gensequenzen breitet er in diesem Buch Landkarten aus, bestückt mit den Namen der Denker, wo wir gewohnt sind, Orte zu finden, darüber liegen Epochenschemen. So schlägt Holenstein Brücken, von den Anfängen der Hominisation in Afrika bis zur Gegenwart. Dieses Werk schließt einmal den garstigen Graben zwischen Raum und Philosophie und den Kontinenten. Auf derlei hat man lange gewartet. Eine Pilotstudie nennt er das Werk. Pures Understatement. In Lehre und Forschung wird er bald unverzichtbar sein – so wie ehedem der »Putzger« in der Geschichtswissenschaft.

Vor allem sind es die Vermittler und die Kreativität der Ränder, die hier zum Zuge kommen, der Islam, der Buddhismus, die Perser oder die Verdienste der in unseren Breiten nicht sonderlich wohl erinnerten mongolischen Horden Dschingis Khans und seiner Nachfahren. Ein Personen- und Ortsregister mit mehreren tausend Einträgen leitet den Leser auf den Boden gesicherter Daten und führt ihn dennoch ständig an die Grenzen des eigenen, von europäischer Ideologie getrübten Blicks. Es bleibt ein Rest an Verunsicherung, Verwirrung und Nachdenklichkeit, mit dem Holenstein genüsslich zu spielen scheint.

Kommen wir zu dem Schlusskapitel, das »Gegenwart und Zukunft« gewidmet ist. Eine letzte Karte stellt die lieb gewordenen Bilder von der Welt vollends auf den Kopf. Afrika, Urgestein und Wiege der Menschheit, ist unten und das Mittelland China in der Mitte. Das Ganze steht unter der Schirmherrschaft Amerikas, das als »jüngster Kontinent« die Welt wie eine Kuppel überwölbt. Sogar einen neuen Nabel der Welt hat Holenstein einzeichnen lassen.

Der lag nach den alten Vorstellungen aus hellenistischer Zeit in Jerusalem, und orthodoxe Juden, Christen und Muslime streiten sich von alters her bis aufs Messer darum, ob der nun genau in der Grabeskirche oder beim Felsendom und dem alten Tempelberg liege. Bei Holenstein fällt er einfach in die tiefen Wasser des Pazifiks, da links von Australien, in Richtung Japan, wohin es Holenstein nach seiner Emeritierung an der ETH Zürich gezogen hat. Gut so. Damit hat der Kampf der Kulturen erst mal eine Ruh.

Philosophie-AtlasKulturgeschichte | PhilosophieSachbuchOrte und Wege des DenkensElmar HolensteinBuchAmmann Verlag2004Zürich43,90391
 
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