In der Liebe scheinen wir alle naiv zu sein. Kindlich genügsam fast. Drei Blicke, ein Lächeln, eine Prise Humor, eine unbeabsichtigt wirkende Berührung, der Hauch eines Körpergeruchs, der sich von unserem unterscheidet, und ganz unbedingt ein Interesse, das der andere an uns zeigt – und schon sind wir verliebt. Meint der Autor. Die Voraussetzung: eine innere Bereitschaft dazu.

Gefühle gehen seltsam unbewusste und verquere Wege. Aber: Wollten wir es nicht immer auch mal im Kopf kapieren, wie sie funktioniert, die Chemie der Liebe, der Verführung und Leidenschaft? Und: Was ist wohl das Geheimnis der Paare, die sich noch nach 30 Jahren mögen?

Der 31 Jahre alte Wissenschaftsjournalist Bas Kast wollte das jedenfalls wissen. Der studierte Biologe und Psychologe Bas Kast fragte in den weltweiten Labors nach, wie diese Muster menschlicher Anziehung und Abstoßung entstehen. Seine Ausbeute ist gelegentlich so verwirrend zu lesen, wie der Rausch der Sinne empfunden wird. Eines steht fest: Wer depressiv ist, tut gut daran, sich schleunigst zu verlieben. Denn die Liebe schaltet Hirnregionen ab, die mit negativen Emotionen einhergehen – Angst, Trauer oder destruktive Aggression. Einer der Beweise: In einem Experiment brauchten Studenten nur das Foto ihrer Liebsten anzuschauen, und schon befanden sie sich in einem Zustand, als hätten sie ein Tütchen Kokain geschnupft.

Unser Gehirn scheint ein genialer Betrüger zu sein. Es reagiert besonders stark in einer gefährlichen Situation, will jedoch manchmal von der Ursache des Herzpochens nichts wissen. Ein Mann, der auf einer wackeligen Hängebrücke stand, übertrug jedenfalls seinen aufgeputschten Zustand auf eine Frau in der Nähe. Das Hirn hatte versucht, sich einen Reim auf die erregten Nerven zu machen, und wählte statt der Brücke die Frau. Fazit der Wissenschaftler: Wer sich verlieben will, sollte aufregende Orte und Situationen aufsuchen. Und: Wir haben kein Herzklopfen, weil wir uns verlieben, sondern verlieben uns, weil wir Herzklopfen haben.

Dass Menschen gut und schön werden können, solange sie nur dafür gehalten werden, verspricht ein weiteres Experiment. Männern wurde jeweils das Foto von einer attraktiven und einer eher hässlichen Frau gezeigt. Wenn sie mit der schönen Frau telefonierten, waren sie charmant, humorvoll, verführerisch. Am Apparat mit der weniger ansehnlichen Gesprächspartnerin gaben sie sich ernsthaft, zurückhaltend. Tatsächlich hatten sie mit dem Gegenteil ihrer Vorstellung geredet. Das Überraschende: Die schöne Frau reagierte auf den angebotenen Ton und äußerte sich ebenfalls langweilig. Die unattraktive dagegen blühte unter der heiteren Anmache auf. Fazit: Unsere Wirklichkeit richtet sich nach unserem Glauben.

Übereinstimmend glauben Psychologen, Biologen und Neurologen zu wissen, was einer Liebesbeziehung ganz sicher abträglich ist: Passivität, Gefühllosigkeit, Humorlosigkeit, langsames, ermüdendes Erzählen, verbunden mit Inhalten, die sich ausschließlich auf die eigene Person beziehen. Ein wenig Wissen oder gar Bildung, so argumentiert der Autor, gehöre halt dazu, um aus einer aufblitzenden Verliebtheit eine dauerhafte Beziehung zu machen. Etwa: Dass es nötig ist, das Positive einer Liebe möglichst über der 50-Prozent-Marke zu halten und die kleinere Hälfte – das Anderssein, die Schwächen des Partners – schlicht auszuhalten. Als Liebesformeln gelten: Zuwendung, Unterstützung, »Wir-Gefühl«, Akzeptanz, positive Illusionen, Aufregung im Alltag.