Philosophie Die aristotelische Verharmlosung

Ottfried Höffes Philosophie der Globalisierung landet nicht auf Erden

Das umfangreiche Werk des Tübinger Philosophen Ottfried Höffe hat heute zwei Gipfel. Erklimmt man den ersten, so erschließt sich dem schweifenden Blick eine neue Landschaft im Riesengebirge der Lehre vom Gesellschaftsvertrag.

In der 1987 publizierten Politischen Gerechtigkeit hatte Höffe einen großen Wurf gelandet. Er hatte versucht, im Gegenzug zu John Rawls Jahrhundertwerk Theorie der Gerechtigkeit (1971) das bis dahin Unvereinbare zu versöhnen. Kant, Hobbes und Aristoteles haben ihre alte Feindschaft begraben und einen Kooperationsvertrag geschlossen. Hobbes: schafft für alle Fälle wenigstens Rechtssicherheit; dann Kant: verspricht die bürgerschaftliche Selbstgesetzgebung als Lohn für die Durststrecke durch den Sicherheitsstaat; schließlich Aristoteles: sorgt dafür, dass das gute Leben und die Bürgertugend beim richtigen Handeln nicht zu kurz kommen.

Anzeige

Mit Kant, Aristoteles und Hobbes im Marschgepäck ging es zügig zum zweiten Gipfel, der den herrlichen Blick auf die Fundamentalphilosophie des Weltstaats verspricht. In der Hütte kurz unterhalb des Gipfels tagt bereits der Weltgerichtshof, der Hüter der Menschenrechte und der Weltverfassung.

Vom Weltgerichtshof führte ein kurzer, steiler Anstieg zum Gipfel des Weltstaats. Das Gipfelkreuz verkündet: Demokratie im Zeitalter der Globalisierung (1999). Rundherum das institutionelle Gefüge der liberalen Demokratie, vorn der Weltbundesrat, daneben der Weltbundestag und hinter uns das Weltbundesverfassungsgericht. Weiter unten sieht man die blühende Landschaft des Weltföderalismus, und das Subsidiaritätsprinzip regelt den Seilbahnverkehr zur Staatenwelt.

Hat man die Aussicht genossen, geht es tief hinab ins Tal, wo die Bürger wohnen. Wir kommen in vertrautes Gelände, denn das meiste kannte man schon aus der Zeitung. Vor uns liegt nun Höffes Politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung. Hier herrschen Individualismus und Tugend. Tugend an der Basis beim »Wirtschaftsbürger« , Tugend im Überbau beim »Staatsbürger« , Tugend über allen Wipfeln beim »Weltbürger« . Und wer brav ist, kriegt noch »mehr« als bloße »Bürger«: Die »Geisteswissenschaften« machen ihn »marktfähig und doch frei«.

Wandern durch die schwindelnden Höhen des Reichs der Ideen

Alles, was gut und teuer ist, ist in Höffes neuem Buch versammelt, und der Autor, der die gebirgigen Metaphern liebt, führt den müder werdenden Leser durchs Reich der reinen Ideen, durch schwindelnde Höhen. Von den Vorsokratikern mit mythisch verkleidetem »überpositiven Recht« über das Weltkulturerbe der goldnen Regel zu Aristoteles, und so geht es weiter. Hobbes, Kant, Durkheim, Rawls. Danach steigt man zum leeren Sollen ab. So beschließt der vorliegende Band ein hoch zielendes Projekt im Flachen. Es ist gescheitert, aber im Scheitern lehrreich.

In Höffes Darstellung ist die Geschichte des politischen Denkens eine Geschichte ohne Geschichte. Die großen Denker haben ihre Zeit verlassen und bieten, vom Erdenrest befreit, die besten Ideen aller Zeiten zur Neuverwertung an. Wird Kant wegen des Mangels an ethischem Gehalt leerer Moralismus vorgeworfen und wegen des kosmopolitischen Projekts Mangel an Realpolitik, so beseitigt ein Griff in die Vorratskisten von Aristoteles und Hobbes jeden Mangel.

Service