Philosophie Die aristotelische VerharmlosungSeite 2/2
Kants Autonomiebegriff wird mitentsorgt. Denn seine Radikalität bestand in der gesellschaftlich begründeten Antithese zu Hobbes und Aristoteles. Richtiges Handeln und positives Recht können unter modernen Erkenntnisbedingungen zwar noch legitimiert, aber nicht mehr mit dem harmonisiert werden, was für uns jeweils das Glück (Aristoteles) oder auch nur in unserem langfristigen Interesse wäre (Hobbes). Der Imperialismus ist falsch, obwohl wir nicht wissen können, ob er am Ende nicht doch das Beste im wohlüberlegten Interesse der Stärksten ist.
Kant hat diesen Autonomiebegriff nicht erfunden, sondern in der Gesellschaft seiner Zeit vorgefunden. Auch seine Philosophie ist »ihre Zeit, in Gedanken gefasst« (Hegel), und es war die gedankenreiche Zeit der großen Verfassungsrevolutionen. Mit ihnen teilt Kant die Stoßrichtung gegen Hobbes und Aristoteles.
Die Verfassungsrevolutionen, die von Frankreich und Amerika aus die Welt erobern, verwandeln – gegen Aristoteles – alles Recht in positives, änderbares Recht und stellen es damit in den Horizont demokratischer Autonomie. Und sie binden – gegen Hobbes – gerade die staatliche Selbsterhaltung an die Verfassung. Sie relativieren nicht die Freiheit an der Sicherheit, sondern die Sicherheit an der Freiheit. Für die Versöhnung, die Höffe anstrebt, geben sie nichts her.
Die aristotelische Verharmlosung des modernen Freiheitsverständnisses – nach Hegel »die letzte Angel, um die der Mensch sich dreht« – kommt Höffe auch auf dem Weg zur Globalisierung in die Quere. Er verwechselt, ganz aristotelisch, den Wesensgehalt der Verfassung mit der konkreten Gestalt ihrer Institutionen. Die Menschenrechte sind aber nicht, wie Höffe unterstellt, starr an die Institution des Verfassungsgerichts gekoppelt, und dasselbe gilt für das Verhältnis von Demokratie und Zweikammersystem.
Nur wenn man den normativen Gehalt der Staatsverfassungen von der institutionellen Ausformung ihrer Organgewalten abzieht, haben Demokratie und Menschenrechte noch eine Chance, sich innerhalb der evolutionär neuen, aber imperial verzerrten Gebilde der UN, WTO, IMF, Weltbank und EU oder gar im global verselbstständigten Privatrecht zur Geltung zu bringen.
Der Hinweis auf Abweichungen von der Blaupause bundesstaatlicher Institutionen und die Mahnung zu mehr Weltbürgertugend sind kein Ersatz für Gesellschaftstheorie und immanente Kritik. Höffe hat auf fast jede Frage eine Antwort. Aber er denkt abstrakt. Er glaubt im Ernst, das Elend der Welt ließe sich durch mehr Philosophie, langfristiges Denken und guten Willen allein beheben, und demonstriert doch nur das neueste Elend einer Philosophie, die das Nachdenken über Staat, Politik und Gesellschaft auf ethisches Räsonieren beschränkt.
Wirtschaftsbürger - Staatsbürger - WeltbürgerPhilosophie | GlobalisierungPolitisches BuchPolitische Ethik im Zeitalter der GlobalisierungOttfried HöffeBuchC. H. Beck Verlag2004München22,90310- Datum 30.08.2007 - 06:40 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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