Biographie Genie der Ambivalenz

Biographien und Werkausgaben zum 200. Todestag von Friedrich Schiller

Im Jahre 1830 griff der greise Bildhauer Johann Heinrich Dannecker zu Fäustel und Schlageisen, um sein berühmtestes Werk, die Monumentalbüste Schillers, zu frisieren. Lustig flogen da die Haare vom Marmorkopf. Später schenkte er die Locken Verehrern seiner und Schillers Kunst, die sorgsam die Reliquien bewahrten.

Die Anekdote ist symptomatisch für die Schiller-Rezeption. Der schwäbische Klassiker wurde adaptiert, aktualisiert, manipuliert, simplifiziert, kanonisiert, und so hält er sich als meist parodierter Dichter und meist gespielter Dramatiker. Schon zu Lebzeiten erkannte Schiller die zwiespältige Qualität des Ruhms. Die starke Publikumswirkung seines Werks war ihm wie der finanzielle Segen willkommen, die fixierende Lesart dagegen ein Ärgernis: »Es ist aber im Character der Deutschen, daß ihnen alles gleich fest wird, und daß sie die unendliche Kunst so wie sie es bei der Reformation gemacht, gleich in ein Symbolum hinein bannen müssen.«

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Seit seine Schwägerin Karoline von Wolzogen 1830 die erste gehaltvolle Lebensbeschreibung verfasst hatte, arbeiteten viele Biografen daran, Schillers Kunst »fest« zu machen, und die Deutschen konnten nicht genug bekommen von der unvergleichlichen Erfolgsgeschichte, die mit der Geburt in einfachen Verhältnissen 1759 in Marbach begann und mit dem Tod des Stardramatikers 1805 in Weimar endete. Dass dieses Leben vergleichsweise unspektakulär verlief, kaum Reisen und praktisch keine Affären oder Skandale kannte, von Arbeit, Disziplin und Fleiß geprägt war, machte Schiller zum leuchtenden Vorbild des Bürgertums.

Der Treibsatz einer andauernden Kritik an den Verhältnissen

Zum 200. Todestag am 9. Mai 2005 erwartet man von den zehn bereits erschienenen Biografien, dass sie endlich die Modernität und das Überraschende hinter den Drohkulissen des Klassikerwesens aufdecken. Zum Glück gibt es dafür Beispiele, manche allerdings halten immer noch an einer heroisierenden und simplifizierenden Sicht fest.

Der Vorwurf trifft den Schnellkurs Schiller von Ehrenfried Kluckert, der schon mit dem ersten Satz alles klar macht: »Friedrich Schiller ist mit einem Löwenherz geboren worden.« Dieses Pathos begegnet einem immer wieder, störender ist, dass Kluckert sich auf recht alte Forschung stützt, oberflächliche, teils verfälschende Darstellungen der Werke bietet und zu unkritisch Altbekanntes aufführt. Die gute Bildauswahl, ausführliche Zitate und eine Marginalspalte mit historischen Daten gleichen das nicht aus.

Für Tempo und kompakte Darstellungen hätte Schiller, der oft mit seiner Lebenszeit geizte, zweifellos Verständnis gezeigt. Umso mehr, wenn er Kurt Wölfels illustrierte kurze Werk-Biografie in die Hand genommen hätte, die, Spekulationen abhold, lieber die Quellen sprechen lässt, mit stilistischen Finessen und einem frischen Blick auf die Eigenheiten des Klassikers. Schillers Hang zum Pläne- und Schuldenmachen, seine notorische Unzuverlässigkeit, seine seltsam zufälligen Heiratsideen und seine lebenslange Suche nach Gesprächspartnern wie Körner, Humboldt, Goethe zwecks »Gedanken-Lockung«, all das integriert Wölfel in die Analyse der Werke. Die erschließt er auf dem Stand der Forschung, differenziert und sehr anregend, nur das lange Kapitel über die klassischen Dramen wirkt etwas ermüdend. Wölfel stellt Schiller als genialischen, manchmal kuriosen Enthusiasten vor, der sich von Werk zu Werk steigert im intellektuellen Zugriff auf Zentralprobleme der Moderne.

Ohne Peter-André Alts zweibändige Monografie aus dem Jahr 2000 wäre solch eine kompakte Schiller-Würdigung kaum möglich gewesen. Ihre Verdienste sind groß, hat doch niemand Schillers Bildung mit solcher Akribie untersucht, niemand ihn so überzeugend in Zusammenhang mit den medizinischen, ästhetisch-philosophischen und politischen Diskussionen seiner Zeit interpretiert. Die Ambivalenz Schillers als Schöpfer absoluter Kunst und Pragmatiker des Erfolgs erscheint bei Alt deutlich: Neben formaler Experimentierfreude im Lyrischen steht deren Vermarktung, neben den philosophischen Studien die effektsichere Konstruktion der Schauerprosa im Geisterseher, neben den Mühen, den Fiesko zu vollenden, die Bereitschaft, ihn für Bühnen umzuarbeiten.

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