Außenpolitik und Moral passen nicht immer gut zueinander, pflegen Strategen zu sagen, wenn sie großzügig den Globus um die Achse drehen. Realpolitik ist geboten, zum Beispiel gegenüber Moskaus starkem Mann Wladimir Putin. Und wenn der sein Land langsam, aber staatssicher in eine Diktatur umbaut? In Russlands innere Angelegenheiten sollte man sich besser nicht einmischen. So spricht der alte Ostpolitiker Egon Bahr, so ähnlich auch der neue Putin-Vertraute Gerhard Schröder. Und beide halten sich für Realisten.

Zweimal in den vergangenen zehn Tagen beliebten hundert Politiker und Wissenschaftler in einem offenen Brief zu widersprechen. Darunter waren der einstige US-Diplomat Richard Holbrooke, Tschechiens Expräsident Václav Havel und auch der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer, was einige SPD-Politiker sogleich als unbotmäßige Kritik an Schröder verstehen wollten. Dabei war es Kritik an Putin: Er baue ein autoritäres Regime auf und pflege imperiale Rhetorik, seine Außenpolitik bedrohe Russlands Nachbarn und Europas Energiesicherheit. Am Dienstag legten die Briefschreiber nach: Moskau gewähre Angeklagten wie dem Ölmagnaten Chodorkowskij kein rechtsstaatliches Verfahren. Alles innere Angelegenheiten?

Natürlich nicht. Was russische Polizisten, Staatsschützer und Präsidenten in den Hinterhöfen von Moskau und Grosnyj tun, geht den Westen etwas an. Zumal wenn sich Europa nach Schröders Wunsch wirtschaftlich und außenpolitisch mit Russland verflicht. Die offenen Briefe sind eine Aufforderung, schärfer hinzusehen - und echter Realismus.