Unter Quotengesichtspunkten war die Quotendiskussion ein Hit. Kein Fernsehkanal, der nicht rasch eine Talk-Runde zum Thema organisiert hätte, keine Nachrichtensendung, die nicht irgendwann einmal Schlapphut-Udo oder eine andere Quotennase prominent ins Bild rückte. Die Erregungswelle, die von der Forderung nach einem staatlich garantierten Mindestanteil für einheimischen Pop im einheimischen Radio ausging, entsprach in etwa der Endrunde einer Casting-Show: 450 deutsche "Musiker in eigener Sache" gegen den Kraken der internationalen Kulturindustrie, in der Rolle des Special Guest Antje Vollmer, die politisch für die Quote mobilmachte, als Location fungierte zuletzt sogar das Parlament, wo im Sitzungssaal 3.101 pünktlich zur ersten Berliner Popkomm eine Anhörung stattfand. Dass in der Woche danach Katerstimmung herrscht, liegt nicht allein an den Zyklen demokratischer Eventkultur, sondern auch an der Penetranz der Refrains: Die Quotenbefürworter hatten noch nie gute Argumente, und jetzt, nachdem sie öffentlich ausgebreitet wurden, nehmen sie sich noch dürftiger aus.

Da wäre die Rede vom "Kulturauftrag", den die Sender wahrzunehmen hätten, indem sie das so genannte nationale Produkt unter Artenschutz stellten. Sie täuscht darüber hinweg, dass viele der erfolgreichen Pop-Produktionen längst aus hiesigen Studios stammen: Seit Jahren erlebt Musik aus Deutschland einen kleinen, aber beständigen Boom. Dass er sich nicht im gewünschten Ausmaß in den Sendern abbildet, hat mit Problemen der Plattenindustrie selbst zu tun – der Einheitsbrei der Hitparaden spiegelt die Mutlosigkeit der Gesamtbranche–, aber auch mit dem Bedeutungsverlust des Radios als geschmacksbildendes Medium. Es muss heute mit einer Vielzahl anderer Kanäle konkurrieren, die das Produkt Pop weiter diversifizieren, demokratisieren, im Zuge der Digitalisierung auch internationalisieren. Staatlicher Protektionismus wirkt in diesem größeren Kontext bestenfalls kontraproduktiv. Schlechtestenfalls macht er sich zum Fürsprecher überwunden geglaubter Chauvinismen.

Ärgerlich an der Debatte ist noch im Rückblick, dass die tümelnden Untertöne, die von den Quotenbefürwortern stets bestritten wurden, tatsächlich zuverlässig wiederkehrten. Die Rede vom Widerstand gegen die "angloamerikanische Übermacht", wie sie im Bundestag hochoffiziell laut wurde, bedient genau jenes Ressentiment gegen die angebliche Überfremdung eines schützenswerten Nationalpops, dem die bessere Tradition der Unterhaltungskultur seit einem halben Jahrhundert widerspricht.

Als 1996 ein Mann namens Ole Seelenmeyer, damals Vorsitzender des Rockmusikerverbands, zur Popkomm in dankenswerter Offenheit von einem "Genozid" am deutschen Kulturschaffen sprach, wurde er dafür noch vollkommen zu Recht ausgebuht. Dass dieser Konsens zu bröckeln droht, ist kein gutes Zeichen. Eine Popmusik, die nur gecastet, gemodelt oder sonstwie bedarfsgerecht aufbereitet ist, mag auf vieldeutige Weise nichtssagend sein. Eine Popmusik mit nationaler Note will eindeutig das Falsche.

Thomas Groß