Einfach nur Schach

Nach jahrzehntelangem Spektakel findet der Brettsport zu sich selbst zurück – bei der Weltmeisterschaft in Brissago

Bobby Fischer, großer Name, kennt heute noch jeder, dabei war er Schachweltmeister nur drei Jahre lang. Fischer gegen Spasskij, das war 1972, hier die freie Welt, da der Ostblock, Zweikampf der Systeme. Erst kam Fischer nicht, dann war sein Sessel nicht richtig, dann verlor er, überall Verschwörung, Hypnose, Protest, kein Tag ohne Schlagzeile aus dem eisigen Reykjavík, die Menschheit zitterte mit, und dann doch noch der Sieg des Amerikaners über den Repräsentanten des Bösen, einen – wie sich später herausstellen sollte – sympathischen Mann mit Sinn fürs Leben.

Fischer spielt seither den Schachweltmeister, obwohl er den Titel aberkannt bekam, nachdem er ihn nicht den Regeln entsprechend verteidigen wollte; derzeit sitzt er in Tokyo im Gefängnis, zuletzt war von Heirat die Rede, die Präsidentin des japanischen Schachverbandes soll die Dame seines Herzens sein, stärkste Figur im Kampf gegen seine Auslieferung in die USA. Denn zu Hause ist er längst kein Held mehr, sondern ein gesuchter Verräter, weil er 1992 trotz Embargos in Miloševićs Jugoslawien spielte und öffentlich auf ein Warnschreiben seiner Regierung spuckte, ein vollbärtiger Geheimagent in eigener Sache, seit Jahrzehnten auf der Flucht, durchdrungen überdies vom Hass auf alles Jüdische, weshalb ihm so recht kein Journalist mehr das Mikrofon hinhalten mag.

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Garri Kasparow, großer Name, kennt heut auch noch jeder, was Wunder, war er doch Schachweltmeister 15 Jahre lang. Der Rebell aus dem Kaukasus schlug 1985 den russischen Apparatschik Karpow, einen – wie sich später herausstellen sollte – durchaus nicht unsymphatischen Briefmarkensammler. Bis heute spielt Kasparow den Schachweltmeister, obwohl er seinen Titel regulär verlor, vor vier Jahren in London. In dem dreiwöchigen Zweikampf gewann er nicht eine von 16 Partien und wurde von seinem Herausforderer zweimal geschlagen. Kasparow schimpfte bitterlich, ganz offenbar hatte ihm ein fulminanter Triumph zugestanden, und er beschwerte sich nun bei allen über so viel Ungerechtigkeit. Immerhin lag’s nicht am Sessel, und auch von Hypnose war nicht die Rede. Ach ja, sein Bezwinger hieß Kramnik.

Fischer und Kasparow – zwei, die sich zu ihrer besten Zeit als unbändige Kämpfer gegen ein verkrustetes politisches System auflehnten. Der spleenige Amerikaner und der armenische Tausendsassa spielten nicht nur grandiose Angriffspartien, sie verschafften durch ihr forderndes Auftreten dem Brettsport weltweit Aufmerksamkeit.

Sogar Vereinsspieler wissen nicht, wer gerade Weltmeister ist

Wie anders sieht es heute aus! Gerade läuft wieder eine Weltmeisterschaft, aber die Öffentlichkeit nimmt kaum Notiz davon. Fischer und Kasparow sind nicht unschuldig daran: Die zwei haben mit ihrer Hybris dem Schach erheblich geschadet. Fischer, indem er im allgemeinen Verständnis Exzentrik zum Wesensmerkmal des erfolgreichen Spielers erhob. Kasparow, indem er die Geldvermehrung zur Maxime machte.

1993 hat er die Weltschachföderation Fide verlassen und die Ausrichtung seiner Titelverteidigung mit der von ihm gegründeten PCA, Professional Chess Association, selber übernommen. Zunächst ging das gut. Er gewann den Chiphersteller Intel als Sponsor, kassierte ordentlich und lockte seine Anhänger mit Reformversprechen: Wettkämpfe sollten moderner, attraktiver werden. Im Sinne seines Geldgebers brachte er Schach und Computer zusammen, menschliche und künstliche Intelligenz, das hatte doch Zukunft! Und in der Tat hat sich das Spiel durch schnelle Rechner und das globale Netz zum einzigen Online-Sport entwickelt. Zehntausende von Partien werden heute täglich am Schirm ausgetragen.

Aber Kasparow spaltete durch sein Verhalten die Schachwelt, denn die Fide wollte natürlich weiterhin Weltmeister ausrufen. Und tat es. Sie ersetzte die langen Zweikämpfe durch Turniere mit 100 Teilnehmern, verkürzte die Bedenkzeit von sieben Stunden auf drei und produzierte eine ganze Reihe von Fide-Weltmeistern, die selbst innerhalb der Schachszene kaum jemand kennt. Aktuell ist es Rustam Kasimdschanow, ein Usbeke aus Solingen, Platz 47 der Weltrangliste. Den Titel holte er im Juli in Tripolis auf einem Turnier, dem von den Top 15 der Weltrangliste zwölf fern blieben und sowieso alle Meister aus Israel, denn sie waren unerwünscht, Ghaddafi ließ grüßen.

Mit namenlosen Weltmeistern, die unter dubiosen Umständen gekürt werden und alle Jahre wechseln, ist das Schach in einer Aufmerksamkeitsmulde versunken. Nicht einmal Vereinsspieler können die Frage nach dem derzeitigen Fide-Titelträger sicher beantworten.

Kasparow ist inzwischen nicht nur nicht mehr Weltmeister, auch Intel hat sich als Sponsor längst verabschiedet. Andere Firmen, die er für seine Spektakel einspannte, hatten klangvolle Namen (Braingames, Einstein TV), aber nie genug Geld. Von der PCA redet niemand mehr. So ist Kasparows letzter Trumpf sein Platz eins der Weltrangliste, den er seit zwei Jahrzehnten innehat und nicht zuletzt dadurch hält, dass er wenig spielt.

An diesem Tiefpunkt kommt die Meldung: In Brissago in der Schweiz kämpfen der Russe Wladimir Kramnik und der Ungar Peter Leko um den Titel des Schachweltmeisters

Brissago? Das liegt im Tessin, bei Ascona am Lago Maggiore. Und wer an einem sonnigen Herbstnachmittag am Seeufer für zwei Kügelchen Eis in der Waffel umgerechnet drei Euro bezahlt, merkt sofort: Geld ist hier nicht das Thema. Eine Million Schweizer Franken legt die Firma Dannemann auf den Tisch, an dem der amtierende Schachweltmeister und sein Herausforderer Platz nehmen. Für drei Wochen, noch bis zum 18. Oktober, hat das Tabakunternehmen sein Kulturzentrum, eine ehemalige Zigarrenfabrik, dem Schach gewidmet. 14 Partien sind zu spielen, immer sonnabends, sonntags, dienstags, donnerstags, dazwischen sind Ruhetage. Die maximale Bedenkzeit pro Partie beträgt wie früher sieben Stunden.

Es scheint, als kehre das Schach nach einer Phase des geopolitischen Zwistes und der Geschäftemacherei zur Tradition zurück. 1886 wurde der Österreicher Wilhelm Steinitz erster Schachweltmeister, in 118 Jahren folgten ihm nur 13 nach, die im klassischen Zweikampf bestimmt wurden. Stets hatte der Herausforderer den Titelträger zu besiegen; so ist es auch jetzt. Im Falle eines Gleichstands bleibt es beim bisherigen Weltmeister.

Am Vorabend des Wettkampfes waren der russische Botschafter und ein Staatssekretär aus Ungarn in Brissago erschienen, ein Streichtrio spielte passend Schnittke und Brahms; Exweltmeister Karpow kam zum mehrstündigen Bankett für 200 geladene Gäste. Es wurde nach Kräften geraucht wie früher in jedem Schachverein, wo die Alten, wenn sie in Not gerieten, die Stumpen anfachten, um den Nachwuchs einzunebeln.

Schachmanager Carsten Hensel aus Dortmund, der in Brissago eine zentrale Rolle spielt, von der noch zu reden sein wird, genießt die Umpositionierung des königlichen Spiels: »In den neunziger Jahren war Schach nur High Tech«, sagt er, »das hatte seine Berechtigung. Aber Schach ist eben auch ein Kaffeehausspiel. Es passt zu Luxus und Lifestyle, zu Zigarre und Rotwein, Champagner und Kaviar. Das hatten wir völlig vergessen.«

Könnte der Schwenk im Selbstverständnis mit dem Geldgeber zu tun haben? Ein Zigarrenunternehmen, bedrängt von Rauchverboten, muss ständig nach neuen Absatzgebieten Ausschau halten. Zwar bleibt heute bei jedem regulären Schachturnier Rauchwerk vor der Tür, aber Schachspieler sitzen ja auch gern so zusammen, und besonders viele von ihnen hocken im Osten Europas, in dem reichlich gepafft wird. Auf der von Dannemann mit modernsten Features ausgestatteten Internet-Seite www.worldchesschampionship.com sind Videoberichte nicht nur in englischer Sprache, sondern sogar auf Ungarisch abzurufen. Bis zu 160000 Neugierige verfolgen live die Partien, und die Zigarren sind immer dabei.

Wladimir Kramnik, 29, hat früher wohl geraucht, auch gern ins Glas geschaut und geht bis heute erst in den Morgenstunden schlafen, aber körperliche Fitness ist ihm längst Voraussetzung für stundenlange Sitzungen mit voller Konzentration. Er hat Valeri Krylow angeheuert, der schon dem unsportlichen Karpow Bewegung nahebrachte. Laufen und Schwimmen, so glaubt der Trainer, sind für grübelnde Schachathleten nicht das Wahre. Tennis müssen sie spielen, denn da können sie nicht nachdenken.

Peter Leko, 24, ist möglicherweise noch sportlicher als Kramnik. Mit Genuss hat er es nicht so. Er war strenger Vegetarier, seit seiner Heirat mit Sofy isst er immerhin Fisch. Vor zehn Jahren errang er als jüngster Spieler der Schachgeschichte den begehrten Großmeistertitel; inzwischen stieß er zur absoluten Weltspitze vor: Kasparow, Kramnik und der Inder Viswanathan Anand bilden dort seit langem ein Triumvirat. Anand steht momentan auf Platz 2 der Rangliste, vor Kramnik, aber das hat wenig zu sagen. Die drei tun sich nicht viel.

Für den Zweikampf gegen Kramnik hat sich Leko im Jahre 2002 mit einem Sieg in Dortmund qualifiziert, einem Spitzenturnier, dem Kasparow und Anand trotz Einladung fern blieben.

Will man Kramnik und Leko beschreiben, kann man nahezu die gleichen Worte verwenden. Beide sind schlank, gepflegt, tragen Brillen. Sind freundlich, unauffällig, leise. Sie treten gut angezogen ans Brett, sie hauen nicht auf den Tisch, rennen nicht aus dem Saal, enthalten sich jeglicher Mätzchen. Unmittelbar nach jeder Partie sitzen sie nebeneinander in der Pressekonferenz und reichen das Mikrofon hin und her, damit auch jeder zu Wort kommt. Peter nennt Wladimir »Wlad«, Kramnik lobt Lekos umsichtige Verteidigung, wenn sie ihm mal wieder einen Durchbruch verunmöglicht hat.

Das sind natürlich – nach Fischer und Kasparow – ungewohnte Töne, und mancher, der sich fürs Schach nicht interessiert, wird sie zum Einschlafen finden. Schachfreunde hingegen mögen sich über das zivilisatorische Minimum freuen. Schach ist kein Maulheldentum: Was zählt, ist aufm Brett.

Die Harmonie der Konkurrenten nimmt allerdings Formen an, die früher undenkbar gewesen wären. So wohnen beide Spieler mit ihren jeweils drei Sekundanten im selben Hotel in Ascona, unmittelbar übereinander. Kramnik im ersten Stock, Leko im zweiten. Die Teams müssen die Fenster schließen, wenn sie sich bei der Vorbereitung einer Partie die Eröffnungsvarianten zurufen – sonst hört die Gegenseite alles mit. Bemerkenswerter noch: Beide haben denselben Manager.

In der Sauna in Moskau kam es zur entscheidenden Begegnung

Es ist Carsten Hensel, 46, der keine Zigarren, sondern Zigaretten raucht und beim Interview in Brissago direkt in einen Mülleimer ascht. Seit langem arbeitet er für die Stadt Dortmund als Pressesprecher und Betreuer von Großveranstaltungen, sei es beim Eishockey, Boxen oder Eiskunstlauf. Anfang der Neunziger stieß er als Hobbyspieler und Mitorganisator zu den Dortmunder Schachtagen. Er begleitete den Aufstieg des wichtigsten deutschen Turniers mit bis zu 10 000 Zuschauern in der Westfalenhalle und 150 akkreditierten Journalisten aus zwölf Ländern. »Wir waren die Ersten mit Monitoren, die Ersten mit Tagungstechnik, die Ersten im Internet.«

Leko lernte er 1991 in Dortmund kennen: als elfjähriges Wunderkind. Über die Jahre entwickelte sich ein besonderes Verhältnis, »weder freundschaftlich noch väterlich, etwas dazwischen«, sagt Hensel. 1998, mit 18, auf Weltranglistenplatz 30, fühlte sich Leko, der im ungarischen Szeged lebt, in der Krise. »Er hatte nicht die nötige kommerzielle Unterstützung«, sagt Hensel, »und auch kein Konzept. Mit wem trainieren, an welchen Turnieren teilnehmen… da kam so eine Art Hilferuf von ihm.«

Hensel wurde Lekos Manager und besorgte ihm einen Fünfjahresvertrag mit dem Energieversorger RWE. Danach ging’s voran. 1999 spielte Leko erstmals im spanischen Linares, einem der weltstärksten Turniere; mit Schwarz hielt er seine Partie gegen Kasparow remis. 2001 schlug er den frischgebackenen Fide-Weltmeister Alexander Khalifman 4,5 zu 1,5 in Budapest – vor 5000 Zuschauern. »Er ist der Einzige neben den großen drei, der heute mal ein Superturnier gewinnt«, sagt Hensel stolz.

Und Kramnik? Der gewann 1992 das Open in Dortmund, 650 Teilnehmer, davon 160 Großmeister. Damals lobte ihn Kasparow: »Der macht nicht nur Züge, der spielt Schach«, und bezeichnete ihn zur allgemeinen Überraschung als seinen Nachfolger. Acht Jahre später traf die Prophezeiung ein.

Kramnik war schon Weltmeister, als Hensel im November 2001 mit ihm in Moskau in die Sauna ging: »Wir redeten über sehr viele Dinge, die ihn betrafen, professionelle Umstände, die rechtliche Situation. Kramnik steckte in einem Loch. Nach dem Sieg gegen den überragenden Spieler der vergangenen 15 Jahre fehlte ihm die Motivation.« In der Schachwelt aber wuchsen die Erwartungen an den Nachfolger Kasparows.

Kramnik fragte Hensel, ob er auch ihn managen könnte, Hensel fragte Leko, ob er einverstanden sei, Leko hatte nichts dagegen – so erzählt es Hensel. Kurze Zeit später wurde Leko Herausforderer von Kramnik, und Hensel reiste in die Schweiz, zu Gesprächen mit Dannemann.

Deshalb steht als Sieger der Schachweltmeisterschaft in Brissago schon vor ihrem Ende fest: der Manager der Kontrahenten. »Das ist mein Problem«, kokettiert Hensel, »wenn einer verliert, kann ich mich nicht freuen, da kann ich keine Party feiern.« Das Schwierige der Konstellation ist ihm klar. »Wenn ich Leko und Kasparow unter Vertrag hätte«, sagt Hensel, »würde das alles nicht gehen.«

Machen Kramnik, Hensel, Leko hier eine private Kuschelmeisterschaft? Dieser Eindruck wäre falsch. Das Match in Brissago wird organisiert und überwacht von Joel Lautier, Präsident der ACP, die mit Kasparows untergegangener PCA nur die Buchstaben gemein hat.

Die Association of Chess Professionals, vor einem Jahr gegründet, ist eine Gewerkschaft der Schachprofis, 250 Mitglieder zählt sie mittlerweile, unter ihnen 70 der 100 besten Spieler. Sie wollen die Weltschachföderation zur Vernunft bringen. Denn nicht nur Kasparow hat dem Schach geschadet, auch die Fide. Ihr Vorsitzender Kirsan Iljumschinow, zugleich Präsident der russischen Teilrepublik Kalmückien, hat die Spielbedingungen selbstherrlich verschlechtert und für fragwürdige Turniere viel Geld unklarer Herkunft eingesetzt. Widerstand auf breiter Front regt sich freilich erst, seit der Freund Saddam Husseins knapp bei Kasse ist.

Ein Ziel der ACP ist die Wiedervereinigung der Schachwelt, das heißt: nur noch ein Weltmeister für alle. Um ihn zu ermitteln, soll der Sieger von Brissago gegen den Sieger eines Zweikampfes zwischen Fide-Weltmeister Kasimdschanow und Exweltmeister Kasparow antreten.

Kasparow? Wieso Kasparow? Der hatte sich doch vom Weltschachverband abgewandt! Richtig, aber nachdem ihm alle Felle davongeschwommen waren, hat er sich der Fide wieder angedient um den Preis, dass die ihren Weltmeister aufs Neue gegen ihn antreten lässt. Schach ist bisweilen ein ziemlich abgekartetes Spiel.

Kramnik gewann übrigens gleich die erste Runde gegen Leko, mit Schwarz! Er hatte dem Herausforderer einen kleinen Stellungsvorteil eingeräumt. Der wollte da natürlich kein Remis und vergaloppierte sich prompt beim Gewinnversuch. Eine Partie von großer Delikatesse. In der fünften Runde revanchierte sich Leko mit präzisem Druckspiel über Stunden. Dann eine hübsche Kombination, Kramnik irrte mit dem Läufer umher – und aus. Schach ist immer noch auch ein ziemlich schönes Spiel.

* Bei Redaktionsschluss stand es 3:3

 
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