Wenn für den Konzerabend der geheime so genannten 3. Akt angesetzt ist, müssen die Musiker des Kölner Gürzenich-Orchesters gewissermaßen mit vernähtem Mund zum Dienst gehen. Sie wissen, was kommt, dürfen es aber nicht sagen. Das letzte Stück des Sinfoniekonzerts soll ein Phantom bleiben. Während sie zwei Konzert-Akte lang spielen wie gedruckt, flüstert es im Publikum: Was wird der Clou sein? Wann komponiert und von wem? Wer spielt? Und dann nimmt Markus Stenz das Mikrofon und lüftet den Schleier, indem er den "3. Akt" ansagt.

Markus Stenz ist seit 2003 Kölner Generalmusikdirektor und hat für die bettlägerige Klassik eine neue Therapie entwickelt. Er verkauft sie wie aus der Wundertüte, aber er will auch kein Clown sein, der Süßigkeiten verschenkt. Stenz tauscht vorhersehbare Programme gegen eine ausgefeilte Dramaturgie mit Überraschungen. Die dauern manchmal sechs, manchmal zwanzig Minuten, dürfen aber keine Fremdkörper sein.

Im April gab es nach einem symmetrisch gebauten Klassik-Quartett (zuerst Ruzicka und Henze, dann Mozart und Haydn) das naturhaft rauschende Rain Tree für drei Schlagzeuger des Japaners Tôru Takemitsu. Der Jubel kannte kein Ende. Oder es folgte nach schweren Beethoven- und Brahms-Geschützen der komische Pulverdampf der Stokowski-Bearbeitung von Bachs Passacaglia und Fuge c-moll. Es gab auch schon Eisler, Henze, Kantcheli. Dieser listige planerische Umgang mit musikalischen Blindstellen sprach sich bereits in der ersten gemeinsamen Saison herum: Stenz und sein Orchester bekamen den Preis des Bundesverbandes der deutschen Musikverleger für die beste Konzertprogrammgestaltung.

"Die Leute hören mit offeneren Ohren als früher", sagt Stenz über das neue Kölner Konzertpublikum, "denn sie haben sich bewusst entschieden, neugierig zu sein." Natürlich bekommt das Publikum bei ihm viel Moderne im 3. Akt geboten, aber kaum einer schlüpft vor der Zeit in den Mantel. Denn wie sagte schon Tacitus: "Alles Unbekannte gilt für groß." Der 3. Akt macht das Publikum demokratisch zu Gleichen; wo keiner sich vorbereiten kann, zerfließt die Grenze zwischen Fachleuten und Normalhörern. Stenz ist sich sicher: "Für die Zuhörer ist diese Gleichheit ein Segen." Damit dieser Segen nicht nach dem Schlussakkord verweht, bekommen die Besucher beim Verlassen der Philharmonie eine Karte zugesteckt, die Wissenswertes über das Stück verrät.

Dass Stenz die drei jüngsten Opern Hans Werner Henzes bei deren Uraufführungen dirigierte (zuletzt L’Upupa in Salzburg), war gewiss ein schwungvoller Karriereimpuls. Stenz ist als Dirigent ein Global Player zwischen San Francisco, London und Melbourne. Ist das Kölner Amt jetzt eine Heimkehr? "Nein, es ist eher eine Rückkehr nach Europa", sagt Stenz. Das klingt nicht nur nach Sehnsucht nach der Tradition, sondern auch nach selbst gewählter Einschränkung des Radius – und tatsächlich: "Ich will das Gastdirigentenleben eintauschen gegen Nachhaltigkeit. Das ist eine Ebene im Stellwerk des Musikbetriebs, die mir sehr wichtig ist."

Dass er auf dieser Ebene eine erhöhte Anwesenheitspflicht hat, weiß er. Ein GMD in Deutschland hat haufenweise Kleinkram zu erledigen, er ist nicht nur General am Pult, sondern auch Kulturpolitiker, Organisator, Rechenschieber, Unterschriftenleister, Kummerkasten. Für Köln bedeutet Stenz’ Engagement zugleich das Ende der Trostlosigkeit, denn das Gürzenich-Orchester hat endlich wieder einen gemeinsamen musikalischen Chef für Oper und Konzert. Unlängst leitete Stenz die erste Premiere der Saison, StraussSalome. Es war spannend zu erleben, wie der Dirigent dem malträtierten Werk zu neuer Flüssigkeit verhalf. Während auf der Bühne Katharina Thalbach das Stück geschickt aktualisierte und es witzig aus der ironiefreien Zone holte, entzündete auch Stenz im Graben eine quecksilbrige Beweglichkeit. Große Momente verfestigten sich bei ihm nicht zu starren Gipfeln, jeder Fortissimo-Akkord behielt seine innere Biegsamkeit, seine sinfonische Sehnsucht nach atmendem Fortgang, nach dem Piano als Urgrund. Wer Stenz beim Dirigieren zuschaut, hört das sogar: Sein Taktstock zeigt fast nie zeigefingerhaft in die Höhe. Eine antiimperatorische Gestik, für die Stenz eine charakterliche Erklärung hat: "Ich bin ziemlich harmoniebedürftig."

Wer Stenz einige Tage später beim Probieren für das jüngste Kölner Sinfoniekonzert zuhörte, musste sich eingestehen, dass sogar das rituelle Redeverbot, das sich Orchestermusiker von ihren Dirigenten wünschen, beizeiten ignoriert werden darf. Als Stenz am Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Symphonie cis-moll arbeitete, erbat er sich einen wärmeren Sound und sagte: "Denken Sie, das sei aus Salome, und Richard Strauss habe es geschrieben." Der Satz saß – beim neuerlichen Durchlauf klang die Stelle gleich inniger, sanfter, entspannter. Erst hinterher erklärt Stenz gesprächsweise den Hintersinn solcher dirigentischen Pädagogik: "Wenn sie Strauss spielen, bekommen Orchestermusiker ohne Ende Belohnungen im Kopf. Vielleicht sollten sie öfter an Strauss denken."

Die Aufführung adelte diese Ästhetik vortrefflich. Sie warf sich, übrigens am Ort der Uraufführung vor 100 Jahren, mitnichten in das bei Mahler gängige Säurebad der Zerrissenheit, sondern suchte und fand hinter allen Masken und Brüchen das harmonisierende Band, die Einheit im Gespaltenen. Versöhnlichkeit als sinfonisches Rezept: Damit hat Markus Stenz sogar sein großes Vorbild Bernstein ein wenig überwunden. In seinem eigenen Leben beginnt jetzt der 2. Akt.