Stimmt’s? Geborgte Droge

Stimmt es, dass das Diktum von der »Religion als Opium für das Volk« nicht von Karl Marx erfunden wurde, sondern ursprünglich von einem anderen stammt? Dario Lindes, Wien

Marx schrieb 1844 in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: »Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.« Das Volk berauscht sich also selbst und bekommt das Gift nicht verabreicht, wie es die Wendung »Opium für das Volk« suggerieren würde. Und tatsächlich stammt die Idee von der Religion als Rauschdroge nicht von Marx selbst. Der Revolutionär war gut mit Heinrich Heine befreundet. Die beiden lernten sich 1843 kennen. Man kann daher davon ausgehen, dass Marx Heines Denkschrift für Ludwig Börne gut kannte, die im Jahr 1840 veröffentlicht wurde. Und darin heißt es sarkastisch: »Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goss, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!« Marx hat Heines Gedanken also aufgegriffen und noch einmal polemisch zugespitzt. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Audio: www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Ich glaube nicht, dass Heine Marx zu dieser Zeit so beeinflußt hat wie Bruno Bauer es tat. Bauer zog den Vergleich Opium und Religion zwar erst ein Jahr später (Der Christliche Staat und unsere Zeit) als Heine, aber Bauer stand Marx viel näher, als Heine zu dieser Zeit.
    Bauer und Marx waren an der gleichen Universität tätig und arbeiteten auch bei der gleichen Zeitung.
    Auch verwendet Marx viele Terme die eindeutig von Bauer "abgeschaut" sind. Außerdem war Heine nicht der erste, der den Vergleich zog. Holbach und Maréchal waren da schon eher da und wer weiß wer davor schon solch einen Vergleich machte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service