In den Vereinigten Staaten umzuziehen ist eine aufrüttelnde Erfahrung. Um halb acht Uhr morgens standen die Umzugsarbeiter vor meinem New Yorker Mietshaus, redeten auf den Türsteher ein und wollten schon vor dem vereinbarten Termin hereingelassen werden. Ich war noch nicht einmal angezogen. Als ich ihnen Tee anbot – in meiner britischen Heimat eine Verpflichtung und üblicherweise der willkommene Anlass für eine 15-minütige Pause –, schauten die Arbeiter nur erstaunt. Sie machten auch keine Mittagspause. Es lief kein Radio, es gab kein Schwätzchen. Am Ende dauerte der ganze Umzug nach Boston 24 Stunden weniger, als ich erwartet hatte.

Europäische Umzugsarbeiter sind nicht faul. Doch als ich vor zwei Jahren von Oxford nach New York wechselte, war die Erfahrung eine vollkommen andere. Manche sagen, die Europäer sollten sich glücklich schätzen. Schließlich müssen sie nicht auf dieselbe Weise arbeiten wie die Amerikaner. Andere sagen, sie werden es sehr bald müssen.

Doch zunächst: Wir repräsentativ sind meine Umzugsarbeiter wirklich? Arbeiten Amerikaner wirklich härter als Europäer? Früher arbeiteten sie jedenfalls effizienter. Seit den späten fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jedoch wächst die Arbeitsproduktivität – wenn man sie als die Produktion eines Werktätigen pro Stunde definiert – in den westeuropäischen Volkswirtschaften schneller als in den Vereinigten Staaten. Tatsächlich ist, wie der französische Ökonom Olivier Blanchard berichtet, das Bruttoinlandsprodukt pro Stunde heute in Frankreich höher als in den USA.

Weniger Urlaub, weniger Feiertage – hat Amerika es wirklich besser?

Das Problem allerdings: Nicht einmal die effizientesten Europäer arbeiten lange genug, um mit den Vereinigten Staaten Schritt zu halten. Das amerikanische Bruttoinlandsprodukt – also die gesamte Produktion aller Menschen in den USA – ist in der vergangenen Dekade Jahr für Jahr schneller gewachsen, mit Ausnahme des Jahres 2001. Zurzeit wächst es um etwa fünf Prozent im Jahr, während der Vergleichswert in Euroland 1,3 Prozent beträgt.

Diese scherenartige Entwicklung führt sogar zu einer erneuten Wende im Produktivitätswachstum. Seit 1995 ist die Produktion pro Arbeitskraft in der amerikanischen Privatwirtschaft doppelt so schnell gewachsen wie in Europa. Es sind 2,4 Prozent gegen 1,2 Prozent, auch wenn man sich über diese Zahlen im Detail streiten kann. Der große Unterschied liegt in der Quantität der Arbeit, nicht in ihrer Qualität. Die Amerikaner arbeiten nicht besser oder effizienter als die Franzosen. Pro Stunde schaffen sie sogar weniger. Sie arbeiten bloß mehr. Und das nicht zu knapp.

Das Mehr an Arbeit in der amerikanischen Volkswirtschaft hat fünf Gründe. Erstens gibt es einfach mehr arbeitslose Europäer als Amerikaner. Über das vergangene Jahrzehnt gesehen, lag die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt bei 4,6 Prozent in den USA und bei 9,2 Prozent in der Europäischen Union. Ein zweiter Unterschied ist die Teilnahme am Arbeitsmarkt. Zwischen 1973 und 1998 ist der Anteil der amerikanischen Bevölkerung, der arbeitet, von 41 Prozent auf 49 Prozent gestiegen. In Deutschland und Frankreich hingegen fiel dieser Anteil von 44 auf 39 Prozent. In den USA sind etwa 73 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter beschäftigt, in der Europäischen Union sind es nur 64 Prozent. Der dritte Grund ist die in Europa größere Zahl an Streiks; ein vierter Faktor ist der in Europa schneller wachsende Anteil von Rentnern an der Gesamtbevölkerung.