Brüssel

Alessandro Messir di Lusignano arbeitet in der EU-Kommission Brüssel in einem ganz besonderen Team. "Das ist der faszinierendste Job, den ich je hatte. Wir setzen die Tradition der Dragomanen fort, der Übersetzer, die dem Orient den Okzident erklären und umgekehrt." Und leise, aber mit unüberhörbarem Stolz fügt der hoch gewachsene Italiener hinzu: "Ich stamme aus einer italienischen Diplomatenfamilie, die lange in Izmir gelebt hat. Mein Vater hat 1963 das Assoziationsabkommen zwischen der EU und der Türkei verhandelt. Und jetzt darf ich dabei sein. Wir sind eine Familie aus Dragomanen."

Viele verdächtigen ihn und seine 16 Kollegen schlimmer Dinge. "Türken-Mafia" nennen böse Zungen dieses Team. Da dürften, so der Vorwurf, ein paar welt- und wahlvolkferne Eurokraten mal wieder über das Schicksal ganzer Völker richten. Zur Sache: Unbestritten hat das Türkei-Team aus der Brüsseler Generaldirektion Erweiterung unter EU-Kommissar Günter Verheugen das brisanteste Papier der EU-Kommission geschrieben. Dick wie ein Roman, gliedert sich der diesjährige Türkei-Bericht in drei Teile. Auf 155 Seiten wird der jährliche Fortschritt der Reformen bewertet, gefolgt von möglichen Auswirkungen einer späteren Mitgliedschaft auf Politik und Budget der EU (55 Seiten), dann auf knapp neun Seiten die politische Empfehlung, ob die Türkei jetzt reif sei für Beitrittsverhandlungen. Ja, sie ist es, steht dort zu lesen, denn die Kommission sieht "die politischen Kriterien zur Genüge erfüllt". Allerdings müsse "die Unumkehrbarkeit des Reformprozesses … über eine längere Periode" bewiesen werden.

Damit fällt diese Woche eine folgenreiche Vorentscheidung. Die 30 EU-Kommissare sollen nun den Regierungschefs empfehlen, rasch mit Beitrittsverhandlungen zu beginnen. Wenigstens in diesem Augenblick hat damit ein gutes Dutzend Eurokraten mehr zu sagen, als sie sich wohl je erträumt hatten. Über den Fortgang der türkischen Reformen. Und über die Zukunft Europas.

Sicher, das Allerheiligste hat Günter Verheugen sich bis zuletzt höchstpersönlich vorbehalten. Noch am Dienstagmorgen gab er der Empfehlung den Feinschliff. Doch der Rohstoff, die zahllosen Arbeitsfassungen, an die der Kommissar sich so häufig, aber eben doch nicht immer gehalten hat, der stammt von jenem eingeschworenen Team. Wie oft in der Multikulti-Eurokratie werkelt da seit Jahren ein bunter Haufen, Briten, Deutsche, Italiener, dazu ein Franzose, ein Schwede, ein Spanier und ein Portugiese.

"Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Aufgabe mich bislang so fasziniert hat", sagt Matthias Ruete, Direktor in der Generaldirektion Erweiterung. Der Deutsche arbeitet im Charlemagne-Hochhaus in einem unscheinbaren Büro, taubenblauer Teppichboden, der Lärm des Boulevards gedämpft von einer großen, getönten Fensterfront. Verwaltete Welt. Äußerlich weist nichts darauf hin, dass Ruete nicht nur dröge Akten vor sich, sondern einen packenden Krimi im Kopf hat. Verräterisch leuchten die Augen, wenn er über seine Arbeit spricht, von "großer Verantwortung" und "einmaliger Chance".

Der Mann weiß zu vergleichen. Denn Jurist Ruete, einst aus der Abteilung Binnenmarkt kommend, hat bereits an den Fortschrittsberichten für die Osterweiterung mitgearbeitet. Doch wie beurteilt man einen Staat – wie einen Schüler, detailliert nach Fächern, oder eher wie einen Schlittschuhläufer, mit A- und B-Noten? Seit einem Jahrzehnt, seit dem Gipfel 1993 in Kopenhagen, muss die EU-Kommission über alle Kandidatenländer regelmäßig Fortschrittsberichte verfassen. Auch der Türkei wird in dieser Woche beileibe nicht das erste Zeugnis ausgestellt. Viele Bewertungen von heute finden sich fast wortgleich in früheren Ausgaben. "Der größte Teil der Berichte ist eine ziemlich technische Angelegenheit", sagt Matthias Ruete. Schließlich gehe es ja auch darum, ein Land langsam an die rund neun Aktenmeter Gemeinschaftsrecht heranzuführen.

"Türkisch spreche ich nicht. Und in der Türkei war ich nur dreimal"