In der Rolle des Feuervogels ist der frisch gekürte Intendant unübertrefflich. Wie er sachte, aus dem Schultergelenk heraus, seine Flügel spreizt, wie er geschmeidig, in vollendeter Linie, seine Arme ausbreitet. Klein und schmal, mit dem Rücken zum Publikum, steht er im dunkelsten Winkel der Lindenoper und lässt sich von Igor Strawinskijs Musik umtosen. Die kühnen Harmonien, die gefährlichen Wirbel scheinen den Feuervogel nicht im Mindesten zu beeindrucken. Kein Zittern, kein Schwanken. Wenn Vladimir Malakhov aus dem ukrainischen Kriwoj Rog die Rolle des Intendanten nur halb so überzeugend spielen kann, wird das Berliner Staatsballett bald alle anderen Ballette überflügeln. Mit einem bloßen Wink vermag er den gesamten russischen Zaubergarten heraufzubeschwören: die holde Prinzessin, den bösen Magier, den herrlichen Zarewitsch und, souverän darüber schwebend, den Vogel mit dem goldenen Gefieder, der auf einem goldenen Berg wohnt und goldene Äpfel frisst.

Vladimir Malakhov gehört zu den seltenen Tänzern, die ein künstliches Geschöpf wie den Feuervogel glaubhaft verkörpern können. Das liegt nicht nur an seiner technischen Perfektion, natürlich tanzt er perfekt: leicht und schnell, mit weitem Jeté und beherrschter Tour en l’Air, doch da ist noch etwas anderes, das über das Körperliche hinausgeht, etwas Anmaßendes, Stolzes, vielleicht sogar Zorniges, das man sich nur durch jahrelanges Schuften unter der Knute der russischen Ballettmeister erwirbt. Es ist der unbedingte Mut zur großen Pose, er entspringt dem altmodischen Glauben an die Schönheit beziehungsweise die Menschheit – und dass sie diesen Glauben im abgeklärten 20. Jahrhundert noch zu verbreiten imstande waren, dafür hat Westeuropa die russischen Wundertänzer Nijinskij, Nurejew, Baryschnikow angebetet.

Nun also Malakhov. Wie seine Vorgänger besitzt er die Fähigkeit, alle Blicke auf sich zu lenken. "Fülle den Raum aus", soll Nurejews Lehrer seinem Meisterschüler geraten haben, "wie ein Bauer, der das letzte Stück Wiese mäht. Oder wie ein Scharfrichter, der einen Kopf abschlägt." Aber, und das hat Nurejews Lehrer verschwiegen, ein überzeugender Scharfrichter ist nicht automatisch ein guter Intendant, womöglich nicht einmal ein leidlicher Choreograf.

Der Tänzer Vladimir Malakhov jedenfalls, seit Herbst 2002 Ballettintendant der Staatsoper unter den Linden und nun auch der fusionierten Berliner Ballette, ist für die Intendantenrolle eine unglückliche Besetzung. Bei der ersten Premiere des Staatsballetts, einem Strawinskij-Abend, hat er vor allem seinen halbherzigen Erneuerungswillen unter Beweis gestellt, indem er zwei mutlose Adaptionen moderner Ballettklassiker aufs Programm setzte: Nijinskijs Le Sacre du Printemps in der Bearbeitung von Angelin Preljocaj und Fokins Feuervogel in der Bearbeitung von Uwe Scholz. Mit keiner Silbe erinnert Preljocajs Sacre an den Skandal, den Nijinskijs Stück bei seiner Uraufführung 1913 auslöste: Es war das Stück, mit dem die Ballets Russes sich erstmals dem Zwang zum anmutig Romantischen widersetzten. Statt zu schweben, stampften die Tänzer, statt einander zart zu umgarnen, bekriegten sie sich heftig. Ein knappes Jahrhundert später jedoch, an der Lindenoper, reicht es nur für einen feigen Abklatsch der Revolte, heruntergelassene Höschen und schlecht inszenierte Geschlechterkampfklischees. Scholz’ Feuervogel ist da schon kühner, er wagt es, auf das märchenhafte Gespreize von 1910 weitgehend zu verzichten. Hier müssen die Tänzer nicht pausenlos tanzen, sie dürfen auch einmal über die Bühne schreiten, nur stillstehen, nur schauen. Keine goldenen Äpfel, kein protziges Federkleid. Aber vor einer radikalen Absage an die pathetische Zauberhaftigkeit, an den kindischen Enthusiasmus des Librettos schreckt Scholz dann doch zurück.

Die Courage, die nötig wäre, um das übertrieben Russische endlich zu überwinden, ist am Staatsballett nicht vorhanden. Am peinlichsten spürt man diesen Mangel im programmatischen Solo des Intendanten. Als Entrée, Sahnehäubchen und bittere Pille des Abends nämlich tanzt Malakhov eine eigene kleine Choreografie zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 23. Natürlich tanzt er perfekt, aber leider kann er sich nicht entschließen, wohin und wozu, Hauptsache, dramatisch. Er wirft seine Gliedmaßen in jede erdenkliche Richtung, kaum ist er nach vorn gerannt, reißt es ihn wieder nach hinten, kaum springt er nach rechts, fällt er schon wieder nach links. Da offenbart sich die falsche Leidenschaftlichkeit eines ganzen Genres, man erneuert es übrigens nicht, indem man einen begnadeten Tänzer in das Kostüm des Choreografen zwängt.