Halbzeitbilanz kann man diesen Bilderbogen ja nicht nennen. Obwohl: Wer weiß schon, wie diese wechselvolle Geschichte der rot-grünen Bundesregierung weitergeht? Sechs Jahre nach dem Wahlsieg über die Regierung Kohl am 27. September 1998 und zwei Jahre vor der nächsten Wahl können wir immerhin sagen: Sollten die Rot-Grünen tatsächlich noch einmal gewinnen, dann hätten wir jetzt womöglich ernsthaft die erste Hälfte einer "rot-grünen Epoche".

Nicht, dass dieser Gedanke sich im Moment aufdrängt. Aber andererseits: Uns fällt schon auf, wie schnell die Zahl derer sinkt, die einen Wahlsieg der Koalition beim nächsten Mal, also im Jahre 2006, für ausgeschlossen halten. Wer hätte das neulich noch gedacht? Und damit sind wir bei einem Merkmal des rot-grünen Lebensgefühls dieser sechs Jahre: Wechselfälle, wohin man schaut. Das Hochgefühl über den Kulturwechsel, eine freiwillige Kanzlermodenschau für den Fotografen Peter Lindbergh, der Abgang des Finanzministers, ein Weltwirtschaftseinbruch, die ersten Kriegseinsätze, eine unfreundliche Regierung in Washington, ein Farbbeutel auf den Außenminister, katastrophale Umfragen, regionale Niederlagen und eine gewonnene Bundestagswahl – langweilig war’s nie, ganz wie in dem chinesischen Fluch: "Mögest du in interessanten Zeiten leben!"

Genau genommen, ging’s diesem Bündnis ja von Anfang an eher schlecht, die Freude der Wahlnacht verflog schnell, und erst ein Jahr später, nach der Scheinsanierung des Holzmann-Konzerns und der Parteispendenkrise der Union, besserte sich die rot-grüne Befindlichkeit. Dennoch, wirklich gut ging es den Sozialdemokraten und Bündnisgrünen nie. Und das Hochgefühl der Wahlnacht 2002, als die Genossen "Joschka" Fischer wie einen der ihren feierten, verflog auch schnell. Das Jubelfoto der beiden Matadore aber wird man noch länger in Erinnerung behalten.

Das Verhältnis zu Bush besserte sich nur allmählich, das zwischen Schröder und Putin ist vielen zu gut, die historischen Auftritte Schröders in der Normandie und in Warschau sind gelungen. Das Bild von Schröders Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Frankreich – als erster deutscher Kanzler war er Gast bei den Gedenkfeiern der Alliierten zum Jahrestag der Invasion – könnte historisch werden. Aber zu Hause hat das so wenig geholfen wie die Tatsache, dass an dem Schlamassel im Irak wenigstens keine deutschen Soldaten beteiligt sind. Wichtiger sind den Deutschen und ihren Fernsehnachrichten der Zahnersatz, die Praxisgebühren und die Errungenschaften des Sozialstaats. Dementsprechend haben sich die Beziehungen der Koalition, namentlich der SPD, zum eigenen Volk erheblich verschlechtert, vor allem, seit die Regierung, vielleicht ein bisschen plötzlich, begonnen hat, fühlbar zu regieren. Agenda 2010 und Hartz kamen nicht gut an, Schröder gab den Parteivorsitz auf, widmete sich fortan der Rolle des Staatenlenkers und "will es wieder wissen", wie Kohl gesagt hätte. Nebenbei sind die Beziehungen zu Bild wegen privater Kanzlerbilder nach wie vor gespannt, im Kampf der Promis mit den Paparazzi bleibt die Regierung zur Strafe neutral, aber das könnte sich ändern, wenn Doris Schröder-Köpf, die zarte, eiserne Kanzlergattin, sich erweichen lässt. Die zweite Halbzeit – oder der letzte Akt – kann beginnen.