DIE ZEIT: Herr Fest, die Verfilmung Ihres Buchs Der Untergang läuft mit großem Erfolg, mit viel Zustimmung und viel Widerspruch. Was hat Sie an den Reaktionen am meisten überrascht?

Joachim Fest: Auch ich habe mit dem Wirbel nicht gerechnet. Ich weiß immer noch nicht, woran es gelegen hat. Es gibt Leute, die sagen, die Deutschen seien jetzt reif dafür. Völliger Unfug! Ich habe mein erstes Buch Das Gesicht des Dritten Reichs 1962 geschrieben. Schon damals haben einige Kritiker gemeint, es sei in einem ungewohnt kühlem Ton verfasst, und fragten: Ist das deutsche Volk reif dafür? Die Deutschen waren es offenbar, das Buch wird jedenfalls noch immer gekauft.

ZEIT: Was im Film neben Glanzleistungen wie etwa Hitlers Darstellung von Bruno Ganz auffällt, ist die Heroisierung des SS-Arztes Schenck.

Fest: Es stimmt, dass Schenck Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Andererseits hat das mit der Darstellung der letzten zwölf Tage im Reichsbunker nichts zu tun. Und um diese Zeitspanne dreht sich Eichingers Film. Es ist also Unsinn, ihm das vorzuwerfen. Ich weiß nicht, wie glaubwürdig Schencks Darstellungen aus dem Bunker sind, er hat darüber ein Memoirenbändchen geschrieben. Es wirkt aber überzeugend, und niemand hat ihm widersprochen.

ZEIT: Hat sich in Ihrer Wahrnehmung Hitlers etwas verändert in den vergangenen 40 Jahren?

Fest: Ich betrachte Hitler, damals und heute, wie ein Naturwissenschaftler unter dem Mikroskop ein seltsames Reptil. Hitler beantwortet ja keine moralischen Fragen. All die Gutmenschen fordern immer wieder von den Deutschen, dass sie sich moralisch distanzieren von ihm. Ich meine, das ist doch selbstverständlich! Moralisch wirft Hitler keine Fragen auf: Man bringt Menschen nicht um, man foltert nicht. Aber man kann und sollte aus dem »Dritten Reich« politische Lehren ziehen.

ZEIT: Was meinen Sie damit? Dass der Typus Hitler jederzeit wiederkommen kann?

Fest: Hitler ist und bleibt eine anthropologische Möglichkeit, die es immer wieder geben wird. Das ist gleichsam sein Vermächtnis. Aber es ist bislang kaum zur Kenntnis genommen worden. Wir hatten nach der Aufklärung 200 Jahre lang ein Menschenbild, das davon ausging: Der Mensch ist gut, das Boshafte kann man durch Erziehung und Verbesserung der sozialen Umstände beseitigen. Dieses positive Menschenbild hat Hitler zerstört. Wir wissen oder sollten wissen, dass es das Böse gibt. Die Tochter eines Freundes wurde vor Jahren ermordet – durch einen Freigänger, wie erst jetzt durch eine DNA-Analyse herauskam. Der Mann lebte friedlich am Niederrhein. Das ist das Böse, kein Gutachter der Welt hat es wahrhaben wollen. Bei Freud heißt es: Unter einem dünnen Lack von Zivilisation steckt in jedem Menschen eine Rotte von Mördern. Eine Einsicht, die wir mit Blick auf das 20. Jahrhundert neu gewinnen müssen.

ZEIT: Herr Fest, Sie porträtieren in Ihrem soeben bei Rowohlt erschienenen Buch Begegnungen – über nahe und ferne Freunde Ulrike Meinhof, die spätere RAF-Terroristin, mit der Sie sich in den sechziger Jahren manches Mal trafen…

Fest: …in Hamburg, ja. Zuerst auf Partys, dann öfter zu zweit in Cafés. Es gab etwa 15 Treffen. Wir stritten uns unablässig über die Bundesrepublik und die Welt. Sie war ein Doppelcharakter: einerseits ideologische Strenge, andererseits Lebenslust. »Heute wird nicht geredet!«, rief sie mir einmal beim Tanzen zu, und beim nächsten Mal: »Sie entgehen mir nicht!«

ZEIT: Was hat Sie an ihr fasziniert?

Fest: Lassen Sie mich es so sagen: Wir beide wussten immer, dass wir politisch nichts miteinander gemein hatten.

ZEIT: Sie als konservativer NDR-Chefredakteur, Meinhof als linke Konkret- Kolumnistin.

Fest: Bei unserer ersten Begegnung auf einem Empfang hörte ich ihr zu und sagte dann: »Sie reden, wie ich es zuletzt von meinem nationalsozialistischen Führungsoffizier im Krieg gehört habe. Der erzählte uns von der Zukunft der Welt und Deutschlands Aufgaben dabei.« Ulrike Meinhof guckte mich an, sie war fast sprachlos. Sie war schon damals dabei, die Jeanne d’Arc der Linken zu werden. Ich glaube, sie empfand gerade deshalb für mich eine gewisse Sympathie, weil so viele Leute der Hamburger Gesellschaft sie geradezu bewunderten. Einmal blickte sie in die Runde und sagte mir: »Alles Symphatisanten, nur Sie nicht!«