Jan Garbarek Ich habe einen Traum
Jan Garbarek, 57, begann mit 14 Jahren Saxophon zu spielen, gründete bald eigene Bands. Die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Keith Jarrett machte den Jazz-Musiker aus Norwegen weltbekannt. Nun erscheint sein erstes Album seit sechs Jahren, »In Praise of Dreams«. Ab dieser Woche ist er auf Deutschland-Tournee. Hier träumt er von einem Instrument, das so vielfältig ist wie die menschliche Stimme
Musik muss atmen, sich ausdehnen und zusammenziehen – das ist das Prinzip allen Lebens. Jeder Ton eines Instruments sollte einen Atemzyklus haben. Wir Menschen atmen am besten, wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind. Zum Beispiel nachts. Um gut zu atmen, muss man alles abschütteln. Jede Art von Selbst-Bewusstsein. Wenn ich sehr vertieft in etwas bin, dann denke ich über das Atmen gar nicht nach. Für jemanden, der ein Blasinstrument spielt, ist das enorm wichtig. Meine Atmung entscheidet darüber, wie lang eine Melodie wird; jede Improvisation wird unterbrochen durch Luftholen. Man kommt an einen Punkt, wo man über den Atem nicht mehr nachdenken muss. Dadurch wächst man zusammen mit seinem Instrument.
Die menschliche Stimme ist das Ideal. Indische Musiker ordnen Instrumente einer Art Hierarchie zu, in der jedes Instrument umso höher rückt, je näher es der menschlichen Stimme kommt. Ich habe mir oft ein Instrument gewünscht, das ihr ähnelt, das es mir ermöglicht, die Töne vollkommen frei und gleitend zu ziehen, ähnlich wie beim Singen. Ein Instrument mit dem Mundstück eines Saxofons und dem Zug einer Posaune. Aber ich bin kein Sänger – ich singe durch mein Instrument. Meine Enkeltochter besteht manchmal darauf, dass ich für sie singe, wenn sie schlafen geht. »Ich kann nicht für dich singen«, sage ich. »Doch, du musst.« Also lernte ich einige Kinderlieder, aber ich bin dem Singen nicht näher gekommen.
Ich kümmere mich immer nur um das, was direkt vor mir liegt. Wenn ein kleines Kind auf dem Boden sitzt und man wirft ihm von vorn einen Ball zu, wird es auf den Ball reagieren. Alles, was über einen relativ schmalen Blickwinkel hinausgeht, existiert für das Kind jedoch überhaupt nicht. So arbeite ich. Ich habe keine Vision. Ich glaube, da bin ich sehr prosaisch.
Die meisten meiner Nächte sind in meiner Erinnerung schwarz. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich mich nicht jeden Morgen an Träume erinnere. Ich glaube, das würde meine Wahrnehmung durcheinander bringen. Ich stelle mir Musik vor. Musik, die noch gar nicht existiert. Ich höre sie in meinem Innern, Klangfarben und Melodien, und stelle mir vor, was ich damit anfangen kann. Es ist, als hätte ich ein Studio in meinem Kopf. Das ist für mich der Zustand, der einem Traum am nächsten kommt. Wenn ich darin sehr vertieft bin, kann das sehr irritierend sein. Beinahe schon zwanghaft. Ich möchte den Aus-Schalter drücken, aber der Traum läuft weiter und weiter. Oft ist es schwer, da herauszukommen, die Balance wiederzufinden. Ich bin sehr kreativ, so vertieft. Aber wenn ich scheitere und sich alles trotzdem weiterdreht, wird es unangenehm. Der Traum kann auch zum Albtraum werden. Man weiß es vorher nie.
Mit 14 Jahren gab es einen Wendepunkt in meinem Leben. Ich hörte zum ersten Mal John Coltrane. Das war 1961. Ich kam nach Hause, um meine Hausaufgaben machen. Meine Eltern saßen im Wohnzimmer und lasen Zeitung, das Radio lief. Hätten sie wahrgenommen, was da aus dem Lautsprecher kam, hätten sie vermutlich abgeschaltet. Ich setzte mich neben das Radio und hörte genau hin.
Rückblickend erscheint mir Coltranes Musik kompliziert und sehr komplex. Aber damals hatte sie sofort große Wirkung auf mich. Ich fühlte: »Das ist wunderbar, ich möchte dem nah sein. Ich möchte selbst so etwas spielen.« Die Musik kam aus einem kleinen Mono-Radio und traf mich ins Innerste. Es hatte nichts mit dem Saxofon zu tun. Coltrane hätte, glaube ich, jede Art von Musik spielen können. Er hatte die Fähigkeit, durch sein Instrument zu sprechen. Trotz der Tatsache, dass er ein fantastischer Instrumentalist war, trotz der Spiritualität, mit der er spielte, floss seine Musik ganz natürlich. Dann sagte der Moderator: »Das war das Ende der Jazz-Stunde.« So hieß die wöchentliche Sendung. Er nannte nicht den Interpreten. Aber immerhin wusste ich danach: Aha, das also war »Jazz«.
Normalerweise lief bei uns zu Hause Unterhaltungsmusik, Elvis, Jimmy Reeves, Frank Sinatra. Sie interessierte mich überhaupt nicht. Es brauchte einen Coltrane, um mich zu wecken. Ein paar Tage später ging ich in einen Plattenladen und fragte nach einem Jazz-Album. Sie gaben mir zwei Platten, die ich mit nach Hause nahm. Ich war enttäuscht; das war nicht das, was ich gehört hatte. Das war Gene Krupa, Swing aus den Vierzigern, etwas vollkommen anderes. Es brachte nichts von diesem Gefühl hervor, das ich vor dem Radio zum ersten Mal gespürt hatte. Schließlich schrieb ich an den Radiosender und erfuhr, dass das letzte Stück der Jazz-Stunde Countdown von John Coltrane gewesen war, aus dem Album Giant Steps.
Coltrane war der Meister – und ich wurde einer seiner vielen Lehrlinge. Er war nicht nur ein Meister, sondern auch ein Zauberer. Was von seiner Musik ausging, war nicht nur der Effekt handwerklichen Könnens, sondern etwas Mystisches. Trotz dieser vielen Töne, dieser immensen Aufregung, dieses Brennens, trotz allem war da ein ruhendes, ja statisches Element. Etwas Schweres. Damals hatte ich einen tragbaren Plattenspieler von Philips, Modell »Jockey«. Jeden Morgen, beim Zähneputzen, bevor ich zur Schule ging, hörte ich darauf Giant Steps. Nach ein oder zwei Jahren kannte ich die Platte auswendig. Als ich drei Jahre später zum ersten Mal ein Konzert von ihm hörte, war ich enttäuscht. Er spielte gut, aber ich hatte ihn wohl zu sehr vergöttert. Auch er war nur ein menschliches Wesen.
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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