Hinter jedem wilden Mann steckt ein ängstliches kleines Kind, das sich nach seiner Mutter sehnt. Sie soll ihn herrlich zausen und in die Schranken weisen. Vorzugsweise ist das eine Mutter, die sich von ihrem ganzen Sohneskerl ödipal erobern lässt, eine wilde Geliebte, die ihm mit einem Zauberkuss die Schranken öffnet in das Zauberreich eines Erbarmens, in dem all seine donnernde Allmacht und all seine bibbernde Kinderfurcht aufgehoben wären. Dieses uralte Sehnsuchtsmärchen erzählt Peter Handkes neues Stück Untertagblues, nicht ohne Monotonie und Eintönigkeit, aber wild-männlich entschlossen, bis zum erlösenden Ende durchzuhalten. Claus Peymann hat es am Berliner Ensemble als Handkes kindgöttlicher Zauberbruder zur Uraufführung gebracht.

Der große und manchmal natürlich auch größenwahnsinnige, sprachlich weit ausgreifende und manchmal nur zornstammelnde Dichter Peter Handke ist ein klassischer Vertreter der Kind-Gott-Genie-Schule. Man hat ihn aus dem Paradies der Kindheit vertrieben, und er wird so lange seine Zornesblitze auf uns schleudern, bis wir ihn als unseren Gott anerkennen und ihn wieder hineinlassen. Der große und oft natürlich auch großsprecherische Intendant und Regisseur Claus Peymann ist ein einfühlsamer und leidenschaftlicher Liebhaber seiner Autoren – vorausgesetzt, ein wenig von ihrem Glanz lässt sich umlenken auf ihn selbst. Zu diesem Zweck baut er seine Uraufführungsmaschinen, die manchmal herrlich glänzen (Handke, Bernhard) und manchmal stotternd verrecken (Jelinek).

Aber wenn die Sache läuft, sind Peymanns Uraufführungsinszenierungen wie Weihnachten. Allein die Verpackung! Sie stammt – natürlich – von Karl-Ernst Herrmann und besteht aus einem theaterechten, blitzweißen U-Bahn-Waggon samt Halteschlaufen, die ruckeln, wenn die Bahn anfährt und die Stationsnamensschilder hinter den Fenstern davongezogen werden. Ein tolles und auch sehr edelschickes Diorama, in dem all die bunten Mitspieler der einsamen Hauptfigur dieses Stücks zu kleinen Faller-Figuren in der Spielzeugeisenbahnwelt werden. Bäumchen gibt es im Untergrund nicht, dafür rätselhafte Ölzweige und am Ende, als das Handke-Herrmann-Universum sich zu einer traumhaften Wüstenlandschaft weitet, einen Wald aus Zahlen auf Blindenstöcken. Aber erst wenn nicht mehr Zahlen und Figuren … und so weiter mit Brentano.

Handkes Verdruss an der prosaischen Erwachsenenwelt

Den Inhalt hat der verlässliche content provider Handke zugeliefert, und was den Handke-Gehalt angeht, wird niemand enttäuscht. Er beläuft sich auf hundert Prozent, wenn auch in bekannter, wie wieder aufgegossener Form. Vor der Premiere hatte der Regisseur verwirrenderweise erklärt, dass unter allen deutschen Dramatikern nur noch Peter Handke und Botho Strauß ernst zu nehmen seien, dass man aber gleichzeitig Handkes Untertagblues nicht so ernst nehmen dürfe.

Es handelt sich um des Dichters üblichen Verdruss an der prosaischen Erwachsenenwelt, vielleicht am Weltlichen überhaupt, der hier einem heroischen Motzbeutel in den Mund gelegt wird. Der "Wilde Mann" fährt U-Bahn, nur um jedermann und jedefrau zu hassen, die ihm auf seiner Reise ohne Ziel begegnen. Lebensunwertes Leben das alles, unwürdig, ihm, dem Sucher nach der wahren Schönheit, vor die Augen zu treten. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge schrumpft der Stirnhirnlappen des Mannes pro Jahr um ein Prozent, weshalb alte Männer plötzlich ausfallend werden und nach kleinen Kindern hauen und allem, was sich bewegt. So ein engstirniger Hirni ist Handkes Held, aber mystisch edel abgefedert. So wird verwünscht und verflucht, was harmlos im öffentlichen Nahverkehr sein Buch liest, an die Decke starrt oder zu kichern wagt: "O ich dreimal Hässlicher. Angesichts deiner Dünnlippen bekomme ich dreimal so dünne Lippen. Angesichts deines faulen Zahns fallen mir auf der Stelle drei Zähne aus."

Die Textstelle belegt, dass Handkes "Wilder Mann" seine Umwelt sehr persönlich nimmt. Er leidet vor allem an Überemphatie. Als er die höllischen Anderen endlich aus dem Wagen geschimpft hat, packt ihn fürchterliche Einsamkeit, und er sehnt sich die Feinde zurück. Es ist die Todesangst, die ihn anspringt. Nur die "Wilde Frau" kann ihn noch retten, indem sie ihn beschimpft und mit Blitzen bedroht und in die Welt zurückprügelt. Ein seltsam starrer und verstockter Text ist das, der die üblichen Thesen vom Verfall der Welt und vom Verlust der Unschuld predigt, der warnt und mahnt und greint und tattergreist und nur den Obdachlosen als Heiligen verehrt. Der Held pflegt seinen bitteren Lifestyle und hält über seine Mitreisenden das jüngste Stilgericht ab. "Sterbt!", ruft der "Wilde Mann". Das ist das Counterstrike- Ballerspiel des Stadtromantikers. Der Untertagblues will dem Handke-Syndrom – geschütztes Eingesponnensein in den Künstlerkokon bei gleichzeitiger Ausscheidung schöner Verschrobenheiten – ein Denkmal setzen, und Denkmälern ist eine gewisse Starre eigen.

Als Schauspieler kann man daraus nur eine große Nummer machen. Peymanns Hauptdarsteller Michael Maertens ist in ganz Theaterdeutschland als großer Nummernspieler bekannt und tritt nun die Gert-Voss-Nachfolge an, in bekannt selbstmitleidiger, aber etwas dandyhafterer Ausformung. Er ist ein Metrosexueller, der inbrünstig um ein wenig Ruhe bittet, in dem schmucken bunten Kabarett, in das er sich mit seinem Regisseur gerettet hat. Maertens stemmt auch das Immer-wieder-Anlauf-Nehmen, das der Text in seiner Monotonie erfordert, als besessene Edelcharge.