Es ist nicht sicher, dass Wolfgang Gerhardt der nächste deutsche Außenminister wird. Gut möglich, dass Rot-Grün 2006 wieder die Wahl gewinnt. Nicht auszuschließen auch, dass eine siegreiche Union es satt hätte, das Auswärtige Amt andauernd der FDP zu überlassen. Immerhin denkbar, dass Guido Westerwelle sich seinen Verzicht auf das Außenministerium (ZEIT Nr. 41/04) noch einmal überlegt. Aber das Ratespiel "Westerwelle oder Gerhardt?" ist in der FDP und um sie herum so lange halb unterdrückt und halb angeheizt worden, zuletzt mit einer Art Wettreden auf dem Parteitag vor der Europawahl im Juni, dass mit Westerwelles Beiseitetreten der Blick wie von selbst auf einen möglichen Außenminister Gerhardt fällt.

Es ist die Rache des Seriösen. Gerhardt, der FDP-Chef der späten Kohl-Jahre, war von seiner Partei 2001 aus dem Vorsitz gedrängt worden, als zu bieder und zu unionshörig. Es folgte die kurze Saison liberaler Enthemmung, des "Guidomobils", der Spaßpartei, die 18 Prozent wollte. Damit ist man bei der Bundestagswahl 2002 eingebrochen; der Hauptbetreiber der Strategie, Jürgen Möllemann, versank in einem Skandalstrudel, bis hin zu seinem die Partei traumatisierenden Selbstmord. Zurückblieb das Bedürfnis zu vergessen, umzukehren, wieder respektabel zu werden. Gerhardt, der Bürgerliche, das Spaßopfer, profitierte davon.

Der neue Vorsitzende Westerwelle hatte lange in einer unklaren politischen Symbiose mit Möllemann gelebt, der den Liberalen durch antiisraelische Parolen Zulauf verschaffen wollte – auch das, wie Westerwelles Neigung zum Klamauk, keine Empfehlung für das Außenministerium. Westerwelle statt Fischer – die Aussicht hätte zu einem Problem werden können, nicht nur für die FDP, sondern für eine Kanzlerschaft Merkel. Gerhardt statt Fischer – das ist sicher kein Wahlkampfschlager, aber wenigstens auch nicht unmittelbar beängstigend.

Gerhardt ist ein außenpolitisch Spätberufener. Er kommt von der Bildungspolitik (von 1987 bis 1991 war er in Hessen Wissenschaftsminister), als FDP-Vorsitzender ist er Generalist gewesen mit dem in seiner Partei üblichen Schuss an liberalem Weltanschauungspathos. Klassische Außenpolitiker (als Modell kann man den CDU-Mann Volker Rühe nehmen) sind anders: im Grunde Handwerker und Machtmechaniker, an Ideen eher desinteressiert, denn unter erwachsenen Staaten und Staatsmännern geht es um Interessen, und zu viel Philosophieren macht sentimental oder ideologisch. Bei Gerhardt sind die geistigen Neigungen ohne Zweifel echt, alle sagen, dass er wirklich liest, und man glaubt ihm sofort, wenn er als Quelle seiner außenpolitischen Beschäftigung das Geschichtsinteresse nennt – die Antwort ist im Gespräch sofort da, schneller als alle Kommentare zu Aktualität.

Ein Kollege, der ihm wohlgesonnen ist, nennt ihn einen Intellektuellen. Das soll auch heißen: eigentlich kein Politiker, "Politiker" hier natürlich nur im schlechten, strippenzieherischen, mediengeilen Sinn gemeint. "Die Ausbeute von 15 Minuten mit Staatsmännern der Luxusklasse ist nicht sehr hoch", begründet Gerhardt seinen Unwillen, bei den Großen dieser Welt um Audienz zu buhlen. Dass sie mit dem führenden Außenpolitiker einer kleinen deutschen Oppositionspartei nicht viel anfangen können, ist ihm klar, und nur für die Bilder – das mag er nicht, ist vielleicht auch zu defensiv oder bequem dazu. Aber ein Intellektueller?

Weniger freundlich würde man sagen: Er ist etwas papieren, formelhaft, begriffsgläubig. Es ist fantastisch, wie oft Gerhardt in wenigen Minuten das Wort "geostrategisch" wiederholen kann. Für die Macht der Ideen hat er eine gewisse Musikalität: Dass man die Demokratie in der Welt verbreiten soll, ist für ihn kein neokonservatives Hirngespinst; ein Liberaler muss glauben, dass die Freiheit allen zusteht.