internet Die Überlebenskünstler
Der deutsche Portalbetreiber Web.de hat die New Economy überstanden und auch die Konkurrenz amerikanischer Rivalen. Doch die ehrgeizigen Gründer wollen mehr
Fast scheint es, als seien in diesem Betrieb die alten Zeiten der New Economy nie zu Ende gegangen. Im Jahre vier nach dem großen Crash sitzen noch immer ausschließlich junge Leute in großen Hallen vor Computern. Auch ihre Chefs arbeiten im Großraumbüro. In der Cafeteria gibt es Müsli, Äpfel und Fertigsuppen für den schnellen Hunger. Und wo, bitte, geht es zum Betriebsrat? Fehlanzeige.
Das Unternehmen heißt Web.de und sitzt in Karlsruhe in einer alten Fabrik. Die wurde natürlich modernisiert, aber so, dass in dem Hauptgebäude die Stahlträger noch zu sehen sind. Im Industriezeitalter wurden hier Nähmaschinen für Pfaff produziert. Dann brach die Ära der Web-Wirtschaft an. Wer einen Punkt ins Firmenlogo setzte, war ein Dotcom und gehörte zur ökonomischen Elite – bis zum bitteren Ende. Doch Web.de überlebte. Die Firma ist heute eines der führenden Internet-Portale in Deutschland.
Die beiden Brüder und Gründer des Unternehmens, Michael und Matthias Greve (41 und 37), hören es gar nicht gern, wenn Web.de als typisches »Start-up« bezeichnet wird. Der Begriff stammt aus der Zeit der virtuellen Blender. Die Greves aber programmierten schon, als viele andere Jungs in ihrem Alter noch mit der Modelleisenbahn spielten. Und so hatten sie bereits vor dem ganzen Rummel ums World Wide Web ein kleines Softwarehaus – und die Vision, dass sich das Internet zu einem ganz neuen Medium entwickeln würde. Nach dem Börsengang im Jahr 2000 war »dann auch kein Mangel an Geld mehr«, sagt Matthias Greve. Er klingt selbstbewusst, aber nicht überheblich.
Über ihre alte Firma Cinetic sind die beiden Brüder noch immer die Hauptaktionäre von Web.de. Als Erstes schufen sie ein Internet-Verzeichnis, das die wachsende Zahl der Web-Adressen registrierte, also eine Art Telefonbuch fürs Netz. Daraus entstand ein Portal, das seinen Besuchern die Pforten zu einem riesigen Gemischtwarenhandel öffnet. Allerdings kann man dort nicht nur auf Einkaufstour gehen, sondern auch Nachrichten abrufen, Informationen beschaffen, Lottoscheine abgeben, elektronische Post versenden, chatten und flirten.
Inzwischen, so fanden die Greves, sei ihre junge Firma so alt geworden, dass sie ein Facelifting brauche. Bis vor zwei Wochen kam die Website wie ein Kessel Buntes daher. Augenpulver, so wie es auch die meisten anderen Anbieter liefern: viele kleine Bildchen, Kästchen und Rubriken. Jetzt herrscht Ruhe und Ordnung – mit einem erwünschten Nebeneffekt: Vom Schnickschnack entrümpelt, erscheint die Seite jetzt sehr viel schneller auf dem Bildschirm. Und noch etwas soll Internet-Nutzer anziehen: Maildienst und Suchmaschine wurden technisch aufgepeppt. Am Dienstag dieser Woche gab Web.de eine weitere Neuigkeit bekannt. Ab sofort steigt das Unternehmen ins Geschäft mit schnellen Internet-Anschlüssen ein.
Wird das alles reichen, um im rabiaten Wettbewerb weiterhin bestehen zu können? Die Branchenkenner von Forrester-Research gehen beispielsweise davon aus, dass sich der Markt der Portalbetreiber hierzulande in der nächsten Zeit »drastisch bereinigen wird«. Damit meinen sie, dass es zu Übernahmen oder gar Pleiten kommt.
Gemessen an amerikanischen Größen wie Google oder Yahoo, ist Web.de ein Zwerg. Im Prinzip rivalisieren alle drei um die Gunst der Surfer. Doch Yahoo gleicht mit seinen Geschäftsmodellen der deutschen Konkurrenz am meisten. Der amerikanische Portalbetreiber agiert allerdings weltweit und schreibt gut 35-mal so viel Umsatz wie sein kleiner Rivale, der sich nur auf seinen heimischen Markt konzentriert (siehe Grafik). Verglichen mit den Kaliforniern, ist Web.de also ein Tante-Emma-Laden an einer kleinen Ecke des globalisierten Marktes: in Deutschland. Doch hier trumpft er auf. Rund zehn Millionen Nutzer besuchten im August mindestens einmal die Website des Unternehmens. Damit liegt es vor dem Megastore aus Amerika. Dort schauten nur 8,3 Millionen Deutsche herein.
Nationaler Champion ist T-Online mit fast 18 Millionen Besuchern. Allerdings: Die Telekom-Tochter und Web.de sind auch nur bedingt vergleichbar. T-Online finanziert sich hauptsächlich über einen festen Kundenstamm, der für den Internet-Zugang monatlich eine Gebühr bezahlt. Web.de muss hingegen jeden Tag aufs Neue Besucher auf seine Seiten locken. Je mehr, desto besser. Denn das macht die Seiten des Portals für Anzeigenkunden attraktiv.
Fast 400 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen inzwischen. Sie denken sich neue Dienste aus, entwickeln Software, betreuen die Kunden und wachen über die Technik; wie zum Beispiel jene Systemadministratoren, die für das Rechenzentrum zuständig sind. An der Kinokasse könnten sie glatt als Studenten durchgehen. Tatsächlich steuern sie eine Computerzentrale, in der ein falscher Mausklick eine Katastrophe auslösen würde. Thorsten Grimm, 26 Jahre alt, erklärt die Funktion der Server. Die stecken in großen Schränken, zwischen denen man durchspazieren kann. Der natürliche Kabelsalat, so wie man ihn von zu Hause her kennt, hat hier keine Chance.
»Sicherheit und Ordnung haben erste Priorität«, sagt Thorsten Grimm. Es ist keine Floskel. Wenn die Rechner ausfielen, wäre der Image-Schaden unermesslich – selbst dann, wenn die Panne unverschuldet eintritt. Als es jüngst zu einem längeren Stromausfall kam, lag Karlsruhe im Dunkeln. Bei Web.de sprangen zwei Schiffsdiesel an, die in solchen Notfällen die Stromversorgung sichern.
Bekannt ist die deutsche Web-Firma vor allem wegen ihres E-Mail-Service. Rund zehn Millionen Kunden nutzen ihn – die meisten, ohne etwas dafür zu bezahlen. Trotzdem verkündet das Unternehmen einen Gewinn. Wie das?
Die Kunden flirten gern und spielen Lotto, nur bringt das wenig ein
Geld bringt vor allem der Web.de Club. Wer dort Mitglied ist, zahlt fünf Euro im Monat und erhält dafür eine Art Luxusversion für seinen E-Mail-Betrieb: Mehr Speicherplatz zählt dazu, ein spezieller Schutz vor Viren und unerwünschten Massenmails oder beispielsweise eine Kindersicherung. Fast 300000 Kunden haben diesen Premium-Dienst abonniert. Gerade erst wurde er von der Fachzeitschrift connect wegen seiner »vorbildlichen Sicherheitsvorkehrungen und unkomplizierten Bedienung« zum Testsieger erkoren. Bist zum Jahresende hofft Matthias Greve auf 360000 feste Kunden.
Mathias Hornberger, Vorstandsmitglied bei Web.de, freut sich sichtlich über die Kooperation mit der Allgemeinen Deutschen Direktbank (Diba), einem Geldhaus, das nur via Telefon, Post oder eben Internet zu erreichen ist. Für jeden neuen Kunden, der den Weg zur Diba über Web.de findet, erhält das Unternehmen eine Provision. Die machte allein im Jahre 2003 rund zehn Prozent des Umsatzes aus. Mehr Zulauf wünschen sich die Portalbetreiber für die Bezahldienste in ihrem Programm. Zwar spielt beispielsweise die Partner-Kontaktbörse oder die virtuelle Lottoannahmestelle Geld ein. Noch aber ist die Bereitschaft der Kunden, für Dienste im Netz zu zahlen, nicht besonders ausgeprägt. So schnell mag die Kostenlos-Kultur aus den alten Tagen des Internet nicht weichen. Auch ECommerce, also der Einkauf per Mausklick, bei dem Web.de eine Provision kassiert, kommt nur langsam voran – nicht nur bei Web.de. Der Anteil des Online-Geschäfts im Handel liegt in Deutschland insgesamt gerade einmal bei knapp vier Prozent.
Dabei hat das Unternehmen extra den Web.Cent geschaffen, mit dem man kleine Beträge im Netz begleichen kann. Das Bezahlsystem funktioniert nach dem Prepaid-Prinzip: Man erhält gegen Bares ein Guthaben auf einem Konto im Netz, über das dann abgerechnet werden kann; aber nur für Dienste von Web.de und den angeschlossenen Partnern. Immerhin kamen auf den virtuellen Konten schon reale fünf Millionen Euro zusammen. Doch gemessen an den vielen Millionen Besuchern der Seite, sind die etwa 600000 aktiven Web.Cent-Nutzer eine kleine Minderheit.
Und dann die Werbung: Sie ist zwar nach wie vor ein Hoffnungsträger; wächst tatsächlich auch, aber nur in Maßen. Auch das liegt nicht unbedingt an Web.de allein. Insgesamt haben die Online-Anzeigen bislang erst einen Marktanteil von rund drei Prozent am Werbekuchen. »Der Werbemarkt wird sich entwickeln«, sagt Matthias Greve. Da schwingt viel Hoffnung mit.
Die setzt er neuerdings auch auf die Vermarktung schneller Internet-Zugänge. DSL heißt die neue Technik, der zwar eine große Zukunft prophezeit wird. Allerdings: Hier reiht sich die Firma in eine wachsende Schar von Anbietern ein, die sich inzwischen mit ihrem Preiskampf kaum Spielraum für Gewinne lassen. Das gilt auch fürs Telefonieren über das Internet, Voice over IP (VoIP) genannt. Noch ist dieser Dienst trotz seiner geringen Gebühren weit davon entfernt, ein Massenmarkt zu sein. Aber immerhin: Web.de geht mit ins Rennen.
Seine schwarzen Zahlen verdankt das Unternehmen vor allem der Finanzpolitik. Rund 100 Millionen Euro haben die Brüder noch vom Erlös aus dem Börsengang übrig, der 180 Millionen Euro in ihre Kassen spülte. Mit dem Zinsgewinn kompensiert das Unternehmen den Verlust aus dem operativen Geschäft. Der betrug im Jahr 2003 rund 2,8 Millionen Euro. Knapp eine Million Euro weist das Unternehmen als Jahresüberschuss aus.
Besonders viel Geld fließt in die Forschung und Entwicklung. Allein im vergangenen Jahr waren es fast 14 Millionen Euro. »Wir sind kein Dividendenwert. Wir sind ein Technologie- und Wachstumswert«, sagt Greve und meint es womöglich nicht so arrogant, wie es verstanden werden könnte. Auf dem Kapitalmarkt kommt es jedenfalls nicht so gut an. Als das Unternehmen im Jahre 2000 an die Börse ging, betrug der Emissionspreis 26 Euro. Heute schwankt der Kurs um die sieben Euro. Thomas Liskamm, Anlagestratege bei der Dresdner Bank, sagt beispielsweise: »Das Unternehmen hat sich zwar auf dem deutschen Markt als unabhängiger Anbieter behauptet. Es dürfte ihm aber schwer fallen, mehr als immer nur die Rücklichter der Großen zu sehen.«
Dabei geben die Internet-Pioniere richtig Gas. Stattliche sieben Millionen Euro steckten sie allein 2003 in ein neues Projekt, das Web.de weltweit an die Spitze des Fortschritts katapultieren soll. Die Software heißt Com.Win und fungiert als eine Art virtuelle Telefonzentrale im Netz. Sie verbindet das Web mit dem Telefon. Über das Adressbuch im Computer können Gespräche gestartet, eingehende Anrufe weltweit per Mausklick an beliebige Telefone weitergeleitet werden. Sowohl PC als auch Festnetztelefon und Handy sind an die Kommunikationszentrale im Netz gekoppelt. Der Nutzer kann auch mit Kollegen oder Freunden am anderen Ende der Leitung gemeinsam an Dokumenten arbeiten. Derzeit kostet das alles 4,95 Euro im Monat.
Wer braucht das, und wer zahlt dafür? Bislang fanden sich erst wenige Nutzer. Analysten oder Investmentbanker reagieren unterschiedlich bei der Frage nach der Perspektive von Com.Win und mithin auch Web.de. »Wir werden langsam ungeduldig«, sagt zum Beipiel Adrian Hopkinson von der Westdeutschen Landesbank. Eine Kollegin von einer anderen Bank, die nicht namentlich zitiert werden will, kommentiert harsch: »Sie sollten aufhören, Geld zu versenken.« Andere geben sich abwartender.
Derzeit sei Com.Win noch kein Massenprodukt, gibt Greve zu. »Aber wir verfolgen eine langfristige Strategie.« 40 Patente seien bereits angemeldet. Und in acht Jahren will er Web.de in ein »weltweit führendes Web-Telekommunikationsunternehmen« verwandelt haben. Das klingt nicht gerade so, als ob sich Matthias Greve schnell entmutigen lässt.
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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