Eigentlich sollte die neue, von der Bundesregierung geplante Extraversicherung für den Zahnersatz ein Testballon für den großen Systemwechsel im Gesundheitswesen werden. So zumindest hatte es sich CDU-Chefin Angela Merkel vorgestellt. In einem nächtlichen Telefonat hatte sie Bundeskanzler Gerhard Schröder einen passenden Kompromiss abgerungen.

Danach sollten gesetzlich Versicherte vom 1. Januar 2005 an Zahnersatz ohne Mitfinanzierung des Arbeitgebers und gegen einen pauschalen Monatsbeitrag versichern. Wahlweise bei einem privaten Versicherer oder bei der gesetzlichen Kasse. Mit diesem Modell, so Merkels Kalkül, hätte sich gezeigt, ob es funktioniert, wenn private und gesetzliche Anbieter in einem reformierten Gesundheitssystem nach gleichen Vorgaben arbeiten. Inzwischen wurde das Vorhaben abgeschmettert. Vergangenen Freitag hat der Bundestag beschlossen, den Zahnersatz bei den gesetzlichen Kassen zu belassen, gegen einen zusätzlichen einkommensabhängigen Beitrag. Wenig beachtet wird, dass die Grenzen zwischen gesetzlichen und privaten Krankenversicherern auch ganz ohne Dekret von oben immer mehr verschwimmen.

Statt Einbett- nur noch Mehrbettzimmer in der Klinik

Um bei dem erwarteten Massengeschäft mit dem Zahnersatz ganz vorn mitzumischen, hatten die privaten Krankenversicherer beispielsweise ein Angebot vorgelegt, nach denen die neue Police 7,50 Euro kosten sollte - egal, für wen. Da ging es um einen Einheitsbeitrag mit Annahmepflicht, erläutert Christian Weber, Geschäftsführer des Verbandes der Privaten Krankenversicherung. Kalkuliert war nicht, wie bei Privatversicherern üblich, mit dem persönlichen Risiko der Kunden entsprechend Gesundheitszustand und Lebensalter, sondern so, wie die gesetzlichen Kassen rechnen. Sie hatten also die voraussichtlichen Kosten für Leistungsfälle plus Verwaltungskosten durch die zu versichernden Köpfe geteilt. Voraussetzung für den günstigen Preis war das bisher von der gesetzlichen Krankenversicherung gewohnte niedrige Leistungsniveau und auch, dass diese neue Zahnpolice tatsächlich zur Massenversicherung der gesamten Bevölkerung wird, erläutert Michael Binder, Aktuar bei der Allianz Privaten Krankenversicherung.

Auch Produktangebote auf Kassenniveau sind bei den Privatassekuranzen nicht neu. Seit Jahren bieten sie abgespeckte Policen für Senioren an. Der so genannte Standardtarif wurde für langjährige Privatpatienten entwickelt, die Beitragssteigerungen im Rentenalter nicht mehr bezahlen können. Wer in den Standardtarif wechselt, zahlt im Alter nicht mehr als den Höchstbeitrag einer gesetzlichen Kasse, erhält aber im Gegenzug geringere Leistungen: etwa statt Einbett- nur Mehrbettzimmer im Krankenhaus. Spartarife werden auch für junge Selbstständige angeboten. Diese Einsteigerofferten sind billig, bieten aber oft nicht einmal das Leistungspaket der gesetzlichen Krankenkassen.

Um ihre Existenz in einem neuen reformierten Gesundheitssystem zu sichern, sind die privaten Krankenversicherer sogar bereit, alte Tabus zu brechen. So hat der Verband der privaten Krankenversicherung im Sommer Reformvorschläge vorgestellt, die neuen Personenkreisen den Wechsel zur Privatversicherung ermöglichen sollen. Das Konzept sieht einen einheitlichen Basistarif vor, den alle freiwillig gesetzlich Versicherten bis zum 55. Lebensjahr jederzeit und ohne Gesundheitsprüfung abschließen können. Die Versicherer müssten jeden Antrag annehmen. Auch Kranke könnten also ohne Risikozuschläge oder -ausschlüsse zu einem privaten Krankenversicherer wechseln. Strenge Gesundheitsprüfungen und Antragsablehnungen waren bislang die zentralen Elemente eines privaten Krankenversicherers.

Laut Reformmodell soll es den Versicherten künftig sogar freistehen, ohne finanzielle Verluste zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Bis heute können kranke oder alte Kunden ihren Versicherer gar nicht oder nur unter erheblichen finanziellen Einbußen wechseln. Wie bei einer Krankenkasse üblich, erhält der Kunde auch nur an das gesetzliche Niveau angelehnte Leistungen. Ärzte sollen nicht den sonst bei Privatpatienten üblichen 2,3fachen Beitragssatz kassieren können, sondern höchstens den zweifachen.